Buchcover Shida Bazyar: "Drei Kameradinnen" © Kiepenheuer & Witsch

Buch der Woche: "Drei Kameradinnen" von Shida Bazyar

Stand: 18.04.2021 13:28 Uhr

"Drei Kameradinnen" von Shida Bazyar handelt von drei jungen Frauen, die in einer Gesellschaft, die keine Andersartigkeit duldet, zusammenstehen - komme was wolle.

von Alexander Solloch

Wenn man sich anschaut, welche jüngeren Schriftstellerinnen und Schriftsteller in den vergangenen Jahren den Literaturbetrieb ein bisschen aufgemischt haben, stößt man auffällig oft auf Hildesheimer Hintergründe. Mariana Leky, Leif Randt, Philipp Winkler, Juan Guse - sie alle haben an der dortigen Schreibschule gelernt. Auch Shida Bazyar: Vor fünf Jahren, da war sie 28, ist ihr literarisches Debüt, der große Iran-Roman "Nachts ist es leise in Teheran" auf den Markt gekommen. Er hat damals viele Kritikerinnen und Kritiker verzückt. Jetzt ist ihr neues Werk erschienen, das sich - mindestens im Titel - deutlich an einen großen Norddeutschen anlehnt: "Drei Kameradinnen".

Shida Bazyar lässt ihre Protagonistin vor das Publikum treten

Leser, Leserin, Du bist ja eh ein bisschen blöd, aber nimm diese Geschichte, und dann denk darüber, wie Du willst! Tust Du ja sowieso - das ist die Haltung, mit der Kasih, die Ich-Erzählerin in Shida Bazyars neuem Roman, vor das Publikum tritt. Sie hat keine Lust, es sich irgendwie gewogen zu machen; ihr einziges Verlangen besteht jetzt, nach der Katastrophe, darin, sich im Erzählen Luft zu verschaffen, im Erzählen von sich und ihren Freundinnen Saya und Hani.

Kasih erzählt ungezügelt - nicht das, was wir gern hören würden, sondern das allein, was ihr Leben bestimmt: der ganze "Dreck da draußen", die Verachtung und die Bequemlichkeit derer, die es sich in ihrer Zugehörigkeit zur weißen Mehrheitsgesellschaft bequem machen. Sie erzählt aber auch von einer Liebe zu einem Mann, die viel zu gut und innig war, als dass sie auf so erschreckend banale Weise hätte enden dürfen; und sowieso und zuallererst: von der Freundschaft, der Kameradinnenschaft.

Bezüge zu Erich Maria Remarques "Drei Kameraden"

"Kamerad" sei ein interessanter Begriff, findet Shida Bazyar, wenn man mal schaut, wo er noch verwendet wird: "Wir stoßen sehr schnell auf die Feuerwehr. Wir stoßen aber auch wahnsinnig schnell auf rechte Bürgerinitiativen. Und dass das mein Arbeitstitel war, hat tatsächlich mit Erich Maria Remarques "Drei Kameraden" zu tun." Der Roman sei für sie ausschlaggebend gewesen: "Ich habe ihn eigentlich nur aus Verlegenheit gelesen, und es hat an der Stelle total für mich funktioniert und dann habe ich gedacht: Ich will das auch. Es hatte am Ende auch Sinn, den Titel zu lassen, weil es eben auch um rechten Terror geht und sich das Feuermotiv durchzieht; es hatte Sinn, bei diesem Bild von der Feuerwehr zu bleiben.

"Drei Kameradinnen": Was macht Freundschaft mit uns?

Kameradinnen sind da in der Not, helfen, die seelischen Brände ihrer Gefährtinnen zu löschen oder immerhin einzudämmen. Das ist aber nur eine - die eher schlichte - Antwort auf die Frage, was Freundschaft mit uns macht. Das Leben der drei Kameradinnen ist komplexer: Da Kasih trotz bester Ausbildung keinen passenden Job findet, da Saya sich verzehrt in ihrem Kampf gegen die rechte Gefahr und da Hani als unterbezahlte und unterforderte Bürokraft vor sich hinsumpft, bedeutet diese Freundschaft auch, dass jede der drei, mit jeweils unterschiedlichem Temperament, sich ganz in die Probleme der anderen hinein gräbt. An diesem Punkt spendet Freundschaft keine Kraft, sie raubt sie eher.

Ein belangloses Nudelessen mit belanglosen Mitbewohnern kann momentweise sogar wertvoller sein, überlegt Kasih:

Was bringen uns unsere Schutzräume eigentlich, wenn wir uns in ihnen eher unseren hässlicheren Seiten hingeben? Wir sollten viel öfter mit Robin und Iris Nudeln essen.

Ließe sich denn so die Katastrophe vermeiden? Ist sie überhaupt vermeidbar? Wir grübeln noch über diesen großen, aufwühlenden, auch witzigen Roman, der manche Gewissheit erschüttert, sogar die, dass man sich doch eigentlich gar nicht so gern beschimpfen lässt.

Der Roman steht auch im Mittelpunkt unseres neuen Literatur-Podcasts "Land in Sicht. Bücher zum Leben" mit Lisa Kreißler und Alexander Solloch. Den Podcast finden Sie auch in der ARD-Audiothek .

Drei Kameradinnen

von Shida Bazyar
Seitenzahl:
352 Seiten
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05276-3
Preis:
22,00 €

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