Stand: 26.08.2020 17:47 Uhr

Von den Zusammenhängen zwischen Körper und Geld

von Lisa Kreißler
Cover des Buchs "Aus der Zuckerfabrik" von Dorothee Elmiger © Hanser
Dorothee Elmigers Roman "Aus der Zuckerfabrik", erschienen bei Hanser.

Mit einem Auszug aus ihrem Apokalypse-Roman "Einladung an die Waghalsigen" begeisterte die junge Schweizerin Dorothee Elmiger im Jahr 2010 die Jury beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr zweiter Roman "Schlafgänger" beschäftigte sich mit Grenzen, ein hoch politischer Text an der Schnittstelle von Literatur und wissenschaftlichem Arbeiten. Gelobt wurden Dorothee Elmigers Texte für ihre kühne Komposition und die klar umrissenen politischen Themen. In ihrem dritten Roman "Aus der Zuckerfabrik" forscht sie nun nach den Zusammenhängen zwischen Körper und Geld und bringt dabei zum ersten Mal auch den eigenen Körper ins Spiel.

Auf die Frage, woran sie momentan arbeite, antwortet die Erzählerin in Dorothee Elmigers "Zuckerfabrik":

Der philadephische Parkplatz (NEW WORLD PLAZA)
Das Begehren
Zucker, LOTTO, Übersee Leseprobe

An anderer Stelle heißt es:

DIE EROBERUNG DER NATUR ODER DER JUNGFRAU
DAS GEWALTSAME VORDRINGEN IN NEUE GEBIETE
(ÜBERSEE)
DER HUNGER ALS VERFASSUNG
DIE LIEBE usw. Leseprobe

Eine Reise ins Ungewisse

Auf der Suche nach einem vermittelbaren Thema ihres Projekts nimmt Dorothee Elmiger uns mit auf eine Reise ins Ungewisse. Aus dem Gebüsch an der französischen Atlantikküste stolpern wir an ihrer Seite direkt auf eine Ananasplantage, wo der Zuckergehalt der Früchte gemessen wird. Nach erfolglosen Verführungsversuchen des appetitlosen Geliebten C. in Zürich geht es nach Montauk ins Bett mit Max Frisch, und da winken schon wieder ganz neue Gäste: "Hallo, Karl Marx!" - "Hallo, Ellen West!" Auf der Alp wird ein Kind bedrängt von einer Herde Ziegen, über dem Kopf des Kindes fliegt ein Schweizer Handwerker mit geliehenem Geld Richtung Haiti. Aus Zucker im Tee wird Blut im Zucker. Und immer kehren wir zurück zur Initiationsszene all dieser tobenden Splitter: Im Saal eines Gasthauses am Thuner See werden die Besitztümer des ersten Schweizer Lottomillionärs Werner Bruni nach seinem Bankrott versteigert.

Zwei Frauenfiguren aus Holz oder aus blank poliertem, schwarzem Stein, dreißig Zentimeter hoch vielleicht. Die im Licht glänzenden Körper sind bis auf ein lose um die Hüfte, den Kopf gewundenes Tuch, bis auf eine goldene Halskette unbekleidet. Sie knien, scheinbar selbstvergessen. Dann erhebt der Versteigerer die Stimme: Wer macht ein Angebot - Ich bitte um Ruhe - Zwanzig, Zwanzig Franken - Mehr Angebote - Ein Fünfliber - Fünfundzwanzig, Fünfundzwanzig - Weitere Angebote - Schaut nur diese Brüste an. Leseprobe

Die zwei haitianischen Statuen werden für schmales Geld verscherbelt wie einst die Sklavinnen auf den Zuckerplantagen. Der Lottokönig ist erst arm, dann kurz reich, am Ende wieder zurück auf der Seite der Verlierer, als hätte es den Fehler seines Aufstiegs nie gegeben.

In Schwingung geratenes Archiv der Fragmente

"Aus der Zuckerfabrik" präsentiert sich als in Schwingung geratenes Archiv der Fragmente. Aus der Literatur, der Geschichte, dem Film und dem Alltag stellt Dorothee Elmiger leuchtende Einzelheiten zusammen, um einer Frage nachzujagen, die sich ihr selbst immer wieder entzieht. Dabei kommt sie der Weltformel ebenso nahe wie dem Wahnsinn. Und voller Schamgefühle, immer Luft holend zur Rechtfertigung, gesteht sie sich zu, selbst im Text eine Rolle zu spielen.

Es ist mein Körper, der da liegt, zwischen den verstreuten Dingen anderer, der zutiefst verwickelt ist in alles, was passiert, was ich zuvor als Material abgelegt habe. Leseprobe

Erkundungen über die behutsame Entwicklung eines Textes

Die Scham über die Präsenz der eigenen Gefühle verrät, das autofiktionales Erzählen noch immer um Anerkennung in der deutschsprachigen Literatur ringt. Dorothee Elmiger erkundet in "Aus der Zuckerfabrik", wie sich ein Text entwickelt, wenn er sich von emotionaler Intelligenz und Behutsamkeit leiten lässt, anstatt sich der Ratio zu unterwerfen.

Ich weiß ja selbst auch nicht besser, wie das ginge: Die Dinge, die ich beschreibe, mir nicht zu nehmen, sie nicht haben zu wollen und sie nicht zu schmälern, so eindeutig zu bestimmen, sondern sie im Gegenteil noch freier und unabhängiger zu machen, als sie es waren, bevor ich zum ersten Mal ein Auge auf sie warf. Leseprobe

Wie erzählen wir uns die Welt in Zukunft?

Genau dieses Kunststück gelingt Dorothee Elmiger mit "Aus der Zuckerfabrik". Indem sie die Zusammenhänge infrage stellt, erstrahlt die Welt in ihrer kühnen eleganten Sprache als lust- und schmerzvolle Herausforderung für jede einzelne von uns. So lustig und so nonchalant wie die Dirigentin in der Basler Oper, über die sie sich einmal im Text so sehr freut, erweckt Dorothee Elmiger Lotto, Liebe, Hunger, Übersee und so weiter zum Leben, um unseren Blick dafür zu schärfen, wie wir uns die Welt vielleicht in Zukunft erzählen.

Aus der Zuckerfabrik

von Dorothee Elmiger
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26750-3
Preis:
23 €

Dieses Thema im Programm:

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