Hiromi Ito: "Dornauszieher" Übersetzt von Irmela Hijiya-Kirschnereit (Cover) © Matthes & Seitz

"Dornauszieher": Beziehungsroman von Hiromi Ito

Stand: 19.10.2021 06:00 Uhr

In Japan zählt Hiromi Ito zu den wichtigsten Autorinnen der Gegenwart. Nun erscheint der Roman "Dornauszieher", der schon 2007 in Japan veröffentlicht wurde, auf Deutsch.

Hiromi Ito: "Dornauszieher" Übersetzt von Irmela Hijiya-Kirschnereit (Cover) © Matthes & Seitz
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von Annemarie Stoltenberg

Itos Erzählhaltung erinnert an eine Bogenschützin, die vor jedem Satz hochkonzentriert zielt und dann haargenau trifft. Der Pfeil zittert noch ein wenig in der Mitte der Scheibe und dann geht es weiter. Die Ich-Erzählerin hat einen ganz und gar eigenen, trockenen Ton, etwa wenn sie von den Schwierigkeiten einer Ehe erzählt, in der die Partner aus unterschiedlichen Kulturen stammen:

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe und sorgfältig erkläre, muss er mich vielleicht doch verstehen, diese Illusion hegte ich. Immer wieder gab ich mir wirklich Mühe und versuchte zu erklären, was ich denke, was ich fühle, wie ich erzogen wurde, einschließlich meiner Sprachkultur, aber letztlich verstand er nicht. Ab und zu hatte ich einen Augenblick lang die Illusion, er habe endlich verstanden, aber letztendlich blieb es dabei: Er hatte doch nicht verstanden. Leseprobe

Hiromi Ito beschreibt mit subtilem Humor

Kennenzulernen ist hier eine subtile, humorvolle, hochkarätige Schriftstellerin. Allein die Ebene, in der es um eine in Schieflage geratene Ehe geht, wäre ein großer, abgeschlossener Roman. Hiromi Ito steigert die Auseinandersetzung in schon unwiderstehlich komischer Weise:

Ihm wehzutun, war meine Absicht. Den anderen nicht zu schlagen, sei eine Selbstverständlichkeit, dachte ich. Also biss ich ihn. Egal mit welchen Mitteln, mein Bedürfnis, ihn anzugreifen und ihm wehzutun, ließ sich nicht unterdrücken. Der Bissabdruck blieb und verfaulte, zumindest meine Verwünschungen teilten sich mit. Zugleich geriet ich jedoch in eine absolut ungünstige Position. Die amerikanische Kultur verachtet vor allem physische Gewalt. Nicht einmal einen Finger darf man auf andere richten. Nein, nein, das ist eine Riesenlüge. Wer in dieser Kultur ein Gewehr hält, kann so viele Menschen töten, wie er will. Leseprobe

Welche Verfehlungen der arme Gatte, an dessen Bein nun eine Bisswunde fault, auf sich geladen hat, bleibt offen. Er wird nur zitiert mit seiner verwunderten Beteuerung, er habe ihr doch immer geholfen und sie unterstützt.

Roman auf Basis japanischer Denkweise

Immer häufiger hält sich die Ich-Erzählerin in Japan auf, wo sie sich um ihre alten Eltern kümmern muss. Die Mutter ist dement geworden und in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Der Vater wohnt allein zu Hause. Das ist von den USA aus kaum zu organisieren, zumal der Vater sie telefonisch über seine Hilfsbedürftigkeit auf dem Laufenden hält.

"Mutters Qual, Vaters Qual, Ehemanns Qual. Einsamkeit, Angst, Frustration", so fasst sie es zusammen. In Japan geht sie einem alten Glauben nach, dass der Segen des Jizo als "Dornauszieher" wirken könne. Der Jizo ist ein sehr populärer Schutzgott im Buddhismus, dargestellt oft als Figur ohne Haar in Kindergröße, um den sich zahllose Legenden ranken. Er soll die Ich-Erzählerin heilen oder retten oder sie von schmerzenden Dornen in der Seele befreien.

"Dornauszieher": Großartige Leistung der Übersetzerin

Alle anderen Handlungsstränge müssen an dieser Stelle verschwiegen werden. Es ist ein Text zum Niederknien von einer einzigartigen Heftigkeit und Unmittelbarkeit. Es ist ein asiatisches Denken, dem wir hier begegnen und zeigt dabei gleichzeitig ein globales Daseinsgefühl von heute - über alle unterschiedlichen Prägungen durch Erziehung und Sprache hinweg.

In einem ausführlichen Nachwort der Übersetzerin Irmela Hijiya-Kirschnereit werden alle Schwierigkeiten solch eines Übergangs in eine andere Sprachkultur, mit allen dazugehörenden Skrupeln und Zweifeln nachempfunden. Allein das Nachwort der Japanologin über die Transitzonen beim Übertragen ist schon ein kleines Kunstwerk für sich.

Dornauszieher

von Hiromi Ito, aus dem Japanischen von Irmela Hijiya Kirschnereit
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Matthes & Seitz
Bestellnummer:
978-3-7518-0034-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.10.2021 | 12:40 Uhr

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