Stand: 20.07.2016 16:04 Uhr

Land der begrenzten Möglichkeiten

Die himmlische Tafel
von Donald Ray Pollock, aus dem Englischen von Peter Torberg
Vorgestellt von Stefan Maelck
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Donald Ray Pollock, geboren 1954 in Ohio, wurde 2013 für seinen Roman "Das Handwerk des Teufels" mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet.

Der amerikanische Autor Donald Ray Pollock ist im Mittleren Westen, genauer in Ohio aufgewachsen, hat mit 17 angefangen, in einer Fleischfabrik zu arbeiten, und danach 32 Jahre in einer Papiermühle geschuftet. Mit 45 hat Pollock seinen Schulabschluss nachgeholt, an der Universität von Ohio Kreatives Schreiben studiert und 2008 sein Debüt mit Erzählungen veröffentlicht. 2011 folgte der Roman "Das Handwerk des Teufels", in deutscher Übersetzung bei Liebeskind erschienen. Pollocks zweiter Roman bei Liebeskind heißt "Die himmlische Tafel". 

Jenseits des skandinavischen Krimis

Wer sich an "Das Handwerk des Teufels" erinnert, der weiß ungefähr, was ihn erwartet. Mit all den ausgefuchsten modernen Krimis und ihren Profiler-Teams und den abwegigsten Todesarten, die man sich vor allem in Skandinavien gern ausdenkt, hat dieses Buch - zum Glück - nichts zu tun. Auch in Pollocks zweitem Roman geht es wieder um Mord und Totschlag, um Blut, Dreck, Suff, Inzest, Missbrauch, Korruption, Krankheit und Tod, und wer gern einem flotten Ermittler folgt, der ist hier verkehrt, denn hier folgt man einzig und allein verschiedenen Blutspuren, die sich irgendwann kreuzen.

Als sich 1917 an der Grenze zwischen Georgia und Alabama ein weiterer höllischer August langsam dem Ende zuneigte, weckte Pearl Jewett eines Morgens seine Söhne mit einem kehligen Bellen, das eher nach Tier als nach Mensch klang. Die drei jungen Burschen erhoben sich schweigend aus ihren Ecken in der Hütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand, und zogen ihre verdreckte, vom Schweiß des Vortags noch feuchte Kleidung an. Eine räudige Ratte huschte den steinernen Kamin hinauf und ließ Mörtelbrocken in den kalten Rost rieseln. Mondlicht fiel durch Spalten der rissigen Wände aus Rundhölzern und lag in milchigen Streifen auf dem roten Lehmboden. Die Jungen stießen beinah mit den Köpfen an die niedrige Decke, sie trafen sich in der Mitte der Kammer zum Frühstück, und Pearl gab jedem von ihnen einen faden Klumpen aus Mehl und Wasser, den er am Abend zuvor in einem Rest Fett ausgebacken hatte. Buchzitat

Berufswunsch: Bankräuber

Schon mit diesem Southern-Gothic-Einstieg sind wir mitten in einem Bastard aus William Faulkner und Cormac McCarthy. Die Brüder Cane, Cob und Chimney Jewett sind nicht die hellsten, reden wenig, nur Cane kann lesen, weil er schon alt genug war, es von der Mutter zu lernen bevor sie starb. Zwei Bücher gibt es im Hause Jewett, die Bibel und "Bloody Bill Bucket", einen Groschenroman. Genau diesen, die Geschichte eines Bankräubers, stellen die Brüder nach. Es gibt keine andere Geschichte, an der sie sich orientieren könnten.

Als sie den Job für Major Tardweller erledigt hatten, fanden Pearls Söhne, dass ihr Vater genug Mühsal angekarrt hatte, um für sie alle einen Platz am Kopfende der verfluchten himmlischen Tafel zu sichern, von der er in den letzten drei Jahren gefaselt hatte. Nur ein paar Tage, nachdem Cane gemahnt hatte, sie müssten ihre Morgenration einschränken, stellten sie fest, dass die Kartoffeln, die sie im Boden vergraben hatten, damit sie über den Sommer reichten, faulig waren. Buchzitat

Ein verhängnisvoller Weg der Befreiung

Irgendwann haben die Brüder keine Lust mehr zu schuften und zu hungern. Sie schlingen alle Vorräte hinunter und wollen raus aus der Armut.

Zu dem Plan, den sie mit Bloody Bills Inspiration schnell ausheckten, während Cob einen Eimer Wasser holte, gehörte es, drei der Pferde des Majors zu stehlen, nach Farleigh, der nächsten Stadt, zu reiten und dort die Bank auszurauben. Danach wollten sie nordwärts nach Kanada und von vorn anfangen. Cane war sich nicht sicher - verflucht, er war noch nie in einer Bank gewesen -, aber er schätzte, dass sie mindestens ein paar Tausend Dollar erbeuten würden. Doch wenn das alles klappen sollte, dann mussten sie heute Nacht aufbrechen, bevor Tardweller herausfand, dass Pearl tot war, und sie den "Überraschungseffekt", wie es Bloody Bill nannte, einbüßten. Buchzitat

Und so beginnt eine Reihe von Raubzügen und Morden. Die Jewetts versetzen das Land in Angst und Schrecken, holen sogar ein Flugzeug vom Himmel und werden zu den meistgesuchten Verbrechern. Pollock beschreibt ein Amerika zu Zeiten des Eintritts in den Ersten Weltkrieg, ein Land auf der Schwelle zur Moderne: Autos und Elektrizität versprechen Fortschritt und Chaos zugleich, Erlösung gibt es nicht, auch nicht an der himmlischen Tafel.

Die himmlische Tafel

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Liebeskind
Bestellnummer:
978-3-95438-065-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.07.2016 | 12:40 Uhr

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