Stand: 26.05.2020 12:10 Uhr

Diversity Day: Moshtari Hilal zeichnet Vielfalt

von Vanessa Wohlrath

Der Diversity Day soll ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen setzen, die oft "nicht ins gängige Bild passen" - sei es aufgrund ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder einer Behinderung. Die Hamburger Künstlerin Moshtari Hilal hakt genau hier ein. Sie widmet sich in ihren Zeichnungen, Videos und Fotografien Verschleierung, buschigen Augenbrauen und dunkler Körperbehaarung.

Die Künstlerin Moshtari Hilal © Moshtari Hilal Foto: Andreas Sibler
Moshtari Hilals Bilder wurden bereits unter anderem in Polen, dem Iran oder Spanien ausgestellt.

Moshtari Hilal ist eine visuelle Künstlerin aus Hamburg und Berlin. Geboren wurde sie in Kabul in Afghanistan. Von dort aus flüchtete sie im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Schon sehr früh lernte sie, sich anzupassen. Sie sah sich als junge Migrantin mit muslimischem Hintergrund jedoch immer wieder mit Rollenzuschreibungen konfrontiert.

Heute verarbeitet die 27-Jährige diese Erfahrungen künstlerisch. Protagonistin in ihren Zeichnungen, Fotografien und Videos ist dabei häufig - sie selbst: "Um sich selbst zu verstehen und zu reflektieren, war für mich auch das Selbstporträt eine Selbstreflexion. Also mit jeder Linie, die mich selbst abgebildet hat, die meine Nase so dargestellt hat, wie sie ist und nicht retuschiert hat, habe ich mich respektieren gelernt."

Schönheitsideal weitergedacht

In ihren oft schwarz-weiß gehaltenen, mit feinem Strich gezeichneten Illustrationen zeigt Moshtari Hilal Gesichter und Formen, die uns im Alltag ständig begegnen, in der Kunst aber selten bis gar nicht vorkommen: Frauen mit zusammengewachsenen Augenbrauen und dunklem Damenbart, verschleierte Menschen und markante Nasen im Profil. Diese Figuren weichen ab vom gängigen Schönheitsideal. In den Medien werden sie kaum repräsentiert oder aber stereotypisiert, was dazu führt, dass es keine Möglichkeit zur Identifikation gibt.

Eine Zeichnung der Künstlerin Moshtari Hilal © Moshtari Hilal
Ein typisches Bild aus Moshtari Hilal Œuvre.

Moshtari Hilal will diese Gesichter positiv besetzen: "Durch die Wiederholung der Bilder, die wir kennen, entsteht eine Art Gefühl bestimmten Gesichtern gegenüber. Und dadurch, dass ich nur Medien konsumiert habe, die andere Gesichter als das meine als positiv dargestellt haben - also runde Gesichter, kleine Nasen, helle Haut - hab ich plötzlich mich selbst nicht mehr gemocht und nicht erkannt im Spiegel."

Und weiter erzählt sie: "Wenn man das auch noch historisch oder politisch einordnet, kommt natürlich Macht und Machtpolitik ins Spiel: Wer in der Gesellschaft darf über Schönheit bestimmen, Medien produzieren und dadurch sich selbst als glamourös darstellen? Während andere stereotypisiert werden? Wer hat genug Ressourcen, um die Definition zu übernehmen?"

Auf der Suche nach Identität

Womit identifizieren wir uns? Und wie identifizieren wir andere beziehungsweise andere uns? Der sehr dynamische und komplexe Begriff Identität spielt bei Moshtari Hilal eine besondere Rolle. Doch darauf reduzieren lassen möchte sie ihre Kunst nicht: "Wenn man von Identität spricht oder von Vielfalt, dann sind das so leere Begriffe. Sie haben so eine politische Intention, nämlich, dass wir nicht mehr in einer homogenen, von einer nationalen Leitkultur getragenen Kunstwelt leben, und andere Stimmen und andere Blicke erlaubt werden.

Eine Zeichnung der Künstlerin Moshtari Hilal © Moshtari Hilal
Inspirieren lässt sich die Künstlerin auch durch alte Familienfotos.

Das ist etwas, das ich verstehe, dass hinter diesen Begriffen gut gemeinte Intentionen stehen. Aber sie sind viel zu groß, um wirklich eine Aussage zu treffen über meine Arbeit oder die Arbeit anderer Schriftstellerinnen und Schriftsteller oder Künstlerinnen und Künstler, die nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind."

Kunst, die der Emanzipation hilft

Moshtari Hilals Bilder wollen den Blick der Betrachter sensibilisieren dafür, dass unsere Welt mehr ist als nur schwarz und weiß. Sie ist kompliziert, sie ist vielschichtig. Ihre Kunst wirft demnach vielmehr Widersprüche und Fragen auf, als dass sie Antworten gibt. Sie dient der Kommunikation von Themen, über die sich häufig nur schwer sprechen lässt. Und hilft der Künstlerin dabei, sich immer wieder zu emanzipieren: "Aber letztendlich - und das ist meine aktuelle Praxis - glaube ich, geht es eher darum, dass man sich auch nicht selbst zensiert aus Angst, missverstanden zu werden. Aus Angst die Rolle der exotischen Stimme einzunehmen, sondern es geht auch darum, wie man Themen behandelt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 26.05.2020 | 19:00 Uhr

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