Stand: 11.03.2020 16:35 Uhr  - NDR Kultur

Ingo Schulzes Roman über einen Antiquar nach der Wende

Die rechtschaffenen Mörder
von Ingo Schulze
Vorgestellt von Ulrich Kühn
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Der Autor beschreibt den Wandel eines Mannes vom Büchermenschen zum Reaktionär.

Ingo Schulze hat die Geschichte des Übergangs vom real existierenden Sozialismus in die Zeit nach dem Mauerfall immer wieder beschäftigt. Der neue Schulze-Roman, der nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse war, rückt das Leben des fiktiven Antiquars Norbert Paulini auf originelle Weise in den Mittelpunkt. "Die rechtschaffenen Mörder" heißt das Buch.

Ingo Schulze ist ein rechtschaffener und raffinierter Autor. Beides fließt aufs Schönste zusammen in diesem Roman, der anhebt wie eine Erzählung aus verblichener Zeit:

Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss. Leseprobe

Vor der Wende war Paulinis Antiquariat sehr erfolgreich

Das "Einst" liegt kaum länger zurück als drei Jahrzehnte - ausreichend Zeit, um Legenden zu stricken. Zwar kam Norbert Paulini im Juni 1953 zur Welt, als in der DDR schon einmal der Aufstand geprobt wurde. Seine große Zeit aber begann in den 1970-ern und endete erst mit der DDR. Gleichsam auf Büchern geboren, hatte er ein einziges Ziel:

Mit jedem Buch vergrößerte er die Kluft zwischen sich und seinen Klassenkameraden. Es war eigenartig, womit sie ihre Zeit vertrödelten. Er las selbst in den Pausen. - Norbert Paulini wollte Leser werden. Leseprobe

Wo, wenn nicht im "Leseland" DDR? 1977 feiert er die Wiedereröffnung von "Antiquariat und Buchhandlung Dorothea Paulini, Inh. Norbert Paulini". Bald strömen Büchermenschen zu ihm, er liest sich in entlegenste Winkel, wird zur Institution. Ein "erlauchter Gesprächskreis" entsteht, der "Salon Paulini". Auch der Erzähler hat Zutritt, der sich erst nur sehr dezent als "Ich" zu erkennen gibt.

Die Kunden bleiben aus, Paulinis Radikalisierung beginnt

Vom Sommer 1989 an bleiben die Kunden aus. Paulini ist mit Friseurin Viola verheiratet, von der sich herausstellt, dass sie der Stasi zugearbeitet hat. Sohn Julian wird in die rechte Szene abdriften. In Paulini regt sich etwas, das vielleicht immer da war und nun gelockert, gestärkt wird. In seinem Bildungs-Stolz regen sich leise die Vorzeichen eigener Radikalisierung:

An einem der darauffolgenden Tage verkündete er, er werde sich fortan als Leser allein der deutschsprachigen Literatur widmen, um sich sein Sprachgefühl rein zu bewahren. Leseprobe

Werte werden umgestülpt wie Wegwerfhandschuhe in der neuen Zeit. Wer noch zu ihm kommt, will Bücher loswerden, um Geld zu machen. Der "einst" Respektierte wird Supermarkt-Kassierer, um der Welt zu zeigen, "wie sie mit einem Antiquar umging". Irgendwann sitzt er in seinem Trotz Polizisten gegenüber, weil sein Sohn rechtsextremistischer Umtriebe verdächtig ist.

Für Figur des Antiquars gerät ins Zwielicht

Als wir schon argwöhnen, es gehe nun enttäuschend eindeutig zu in diesem Wende-Roman, stecken wir plötzlich im zweiten Teil, in dem der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller namens Schultze, berichtet, wie wichtig Paulini ihm war:

Im Antiquariat Paulini fand ich, wonach ich als Schriftsteller, der ich zu werden trachtete, suchte. An ihm und seinem Kreis erlebte ich, was Hingabe an die Literatur bedeutete. Leseprobe

Schultze hat Erfolg, auch im Westen. Hat er auf dem Weg dahin etwa Paulini und die Literatur verraten? Der Roman stellt sich rechtschaffen den Fragen, lockt uns dabei clever in Vorurteilsfallen, bestätigt, rückt wieder in Zweifel und Zwielicht.

Schultze wollte Paulinis Legende erzählen, eine Geschichte der Aufrichtigkeit, doch das Projekt gerinnt ihm und uns zum großen Fragezeichen, während das Leben sich selbständig macht. Wir lesen jetzt eine Eifersuchtsgeschichte, erleben Paulinis Überlegenheitsgelüste, die sich "einst" vielleicht nur tarnten als Hingabe an die Bücher.

Am Ende entfaltet Schulzes Roman Krimi-Charme

Dann spricht im dritten Teil die Lektorin Schultzes zu uns: Der Mann selbst gerät ins Zwielicht, das Buch entfaltet Krimi-Charme, es gibt Tote und rechtschaffene Mörder. Vielleicht auch nur einen, für alle: Schultze. Nichts ist hier eindeutig klar.

Wie Sie sich unschwer vorstellen können, mein Paulini-Projekt machte mich keinesfalls unverwundbar. Manchmal kam es mir sogar so vor, als züchtigte ich mich mit diesem Thema selbst. Leseprobe

Wenn dies eine Selbstzüchtigung des rechtschaffenen Autors Ingo Schulze ist, dann zu unserem Vergnügen: Ein Buch für Liebende der Literatur, die ihre Kraft und Lust daraus schöpft, uns statt Antworten Fragen zu geben.

Die rechtschaffenen Mörder

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-390001-9
Preis:
21,00 €

Dieses Thema im Programm:

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