Stand: 15.09.2019 19:48 Uhr

"Die Zeuginnen": Neuer Roman von Margaret Atwood

Die Zeuginnen
von Margaret Atwood, aus dem Englischen von Monika Baark
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Margret Atwood hat 2017 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat 1985 einen Zukunftsroman veröffentlicht, der bei vielen Menschen einen tiefen Eindruck hinterließ: "The Handmaid's Tale", auf Deutsch "Der Report der Magd". Volker Schlöndorff verfilmte den Roman 1990, im Jahr 2000 kam eine Oper - und dann war der Stoff schon fast vergessen, als eine amerikanische Fernsehserie mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle die Geschichte vor drei Jahren wieder zum Leben erweckte. Der jetzt bald 80-jährigen Schriftstellerin hat es gefallen, noch einmal in den Staat Gilead zurückzukehren und eine Fortsetzung zu schreiben. Der Roman "The Testaments", auf Deutsch "Die Zeuginnen", erscheint nun weltweit.

Margaret Atwood sind die Ideen nicht ausgegangen - so viel sei schon mal vorausgeschickt. Anfangs fällt es jedoch schwer, sich mit den drei Erzählerinnen zurechtzufinden, weil das Konstrukt des haarsträubend bigotten Unrechtsstaates, der auf einem Teil des ehemaligen US-Territoriums errichtet wurde und aus dem die Frauen, wenn sie können, nach Kanada flüchten, erst einmal wieder präsent gemacht werden muss.

"Die Zeuginnen" hat drei verschiedene Ich-Erzählerinnen

Natürlich erwartet man, wenn man "Der Report der Magd" gelesen hat, der Hauptfigur Desfred wieder zu begegnen. Doch stattdessen gibt es drei verschiedene Ich-Erzählerinnen. Die erste Ich-Erzählerin war in "Der Report der Magd" noch die größte Peinigerin von Desfred, die sogenannte 'Tante' Lydia:

"Nur Tote dürfen Denkmäler haben; ich aber habe zu Lebzeiten eines bekommen. Schon jetzt bin ich versteinert. Dieses Denkmal sei ein kleines Zeichen der Anerkennung für meine zahlreichen Verdienste, hieß es in der Würdigung, die von Tante Vidala vorgetragen wurde. Unsere Obrigkeit hatte sie dazu verpflichtet, was bei ihr nicht gerade auf Gegenliebe stieß." Leseprobe

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Diese ältere Frau, die als Tutorin der Mägde einige Macht im Staat Gilead erlangt hat, ist die interessanteste Figur, wohl auch, weil Atwood ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit sich selbst gegeben hat. Sie versteckt ihre Tagebuchaufzeichnungen in einem alten Buch mit dem Titel "Apologia Pro Vita Sua", und sie verteidigt tatsächlich ihr eigenes Leben. Als Richterin wurde sie von den Putschisten mit dem Tod bedroht und nach langer Folter zu dieser neuen Rolle als 'Tante' gezwungen. Ihrem Scharfsinn ist es zu verdanken, dass sie mittlerweile so ziemlich jeden Machthaber in ihrer Hand hat.

Daisy in den Klauen Kanadas

"Es war mein 16. Geburtstag, angeblich. Am meisten freute ich mich auf meinen Führerschein. Ich fühlte mich zu alt für eine Geburtstagsparty, wobei Melanie immer Torte und Eis für mich besorgte und mir 'Daisy Bell' vorsang, ein altes Lied, das ich als Kind geliebt hatte, inzwischen aber peinlich fand. Die Torte bekam ich dann später - Schokoladentorte, Vanilleeis, meine Lieblingssorten - , bloß konnte ich davon nichts mehr essen. Da war Melanie schon nicht mehr am Leben." Leseprobe

Daisy führt das normale Leben eines kanadischen Teenagers, bis ihre vermeintlichen Eltern ermordet werden und sie erfährt, dass sie als Baby aus Gilead herausgeschmuggelt wurde und dort als "die kleine Nicole" nach wie vor aus den Klauen Kanadas befreit werden soll.

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Agnes Jemima: Drohende Zwangshochzeit

Die dritte Ich-Erzählerin, Agnes Jemima, nur wenig älter als Daisy, ist in der Familie eines der Kommandanten Gileads aufgewachsen. Das junge Mädchen muss erleben, wie eine neue Ehefrau ins Haus kommt und eine Magd einen Stammhalter für den Kommandanten austrägt und durch den Kaiserschnitt stirbt. Als sie selbst mit 13 Jahren verheiratet werden soll, zieht sie es vor, sich zur 'Tante' ausbilden zu lassen. Dass ihre wahren Eltern zur Widerstandsgruppe "Mayday" gehören, die von Kanada aus operiert, wird sie im Lauf der Romanhandlung erfahren.

"Die Zeuginnen": Inszenierung eines intriganten Systems

Margaret Atwood hat drei rasante Heldinnen erschaffen, deren furchtloser Einsatz zum Fall des giftigen Regimes führen wird. Etwas weniger Melodramatik, dafür eingehendere Beschreibungen der Widerstandsaktionen - und ein paar mehr liebenswerte männliche Akteure - hätte man sich gewünscht, aber die Inszenierung eines rundum menschenfeindlichen, heuchlerischen, intriganten Systems ist ihr mal wieder perfekt gelungen.

Hörbuch: "Die Zeuginnen"

Margaret Atwood
"Die Zeuginnen"
Aus dem Englischen von Monika Baark
Ungekürzte Lesung mit Leslie Malton, Eva Meckbach, Inka Löwendorf, Vera Teltz, Julian Mehne
2 CDs
Laufzeit: 788 Minuten
ISBN 978-3-86952-433-7
Preis: 25,00 €
Verlag: HörbuchHamburg

Die Zeuginnen

von
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berlin Verlag
Bestellnummer:
978-3-8270-1404-7
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.09.2019 | 06:40 Uhr