Margaret Atwood © Alastair Grant/AP/dpa

"Die Zeuginnen": Margaret Atwoods Gilead-Fortsetzung

Stand: 14.11.2019 10:26 Uhr

Für ihr Buch "Die Zeuginnen" hat die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood 2019 den renommierten Booker-Literaturpreis bekommen. "Die Zeuginnen" ist die späte Fortsetzung von Atwoods Erfolgsromans "Der Report der Magd" aus dem Jahr 1985.

von Ulrike Sárkány

Für das "Die Zeuginnen" ist Schriftstellerin Margaret Atwood noch einmal in den Staat Gilead zurückgekehrt. Anfangs fällt es jedoch schwer, sich mit den drei Erzählerinnen zurechtzufinden. Das Konstrukt des haarsträubend bigotten Unrechtsstaates Gilead, der auf einem Teil des ehemaligen US-Territoriums errichtet wurde, muss erst einmal wieder präsent gemacht werden.

"Die Zeuginnen" hat drei verschiedene Ich-Erzählerinnen

Natürlich erwartet man, wenn man "Der Report der Magd" gelesen hat, der Hauptfigur Desfred wieder zu begegnen. Doch stattdessen gibt es drei verschiedene Ich-Erzählerinnen. Die erste Ich-Erzählerin war in "Der Report der Magd" noch die größte Peinigerin von Desfred, die sogenannte 'Tante' Lydia:

"Nur Tote dürfen Denkmäler haben; ich aber habe zu Lebzeiten eines bekommen. Schon jetzt bin ich versteinert. Dieses Denkmal sei ein kleines Zeichen der Anerkennung für meine zahlreichen Verdienste, hieß es in der Würdigung, die von Tante Vidala vorgetragen wurde. Unsere Obrigkeit hatte sie dazu verpflichtet, was bei ihr nicht gerade auf Gegenliebe stieß." Leseprobe

Tante Lydia, die als Tutorin der Mägde einige Macht im Staat Gilead erlangt hat, ist die interessanteste Figur in dem Roman. Wohl auch, weil Atwood ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit sich selbst gegeben hat. Sie versteckt ihre Tagebuchaufzeichnungen in einem alten Buch mit dem Titel "Apologia Pro Vita Sua" und sie verteidigt tatsächlich ihr eigenes Leben. Als Richterin wird sie von den Putschisten mit dem Tod bedroht und nach langer Folter zu dieser neuen Rolle gezwungen. Ihrem Scharfsinn ist es zu verdanken, dass sie mittlerweile so ziemlich jeden Machthaber in ihrer Hand hat.

Daisy und Agnes Jemima

Die zweite Ich-Erzählerin Daisy führt das normale Leben eines kanadischen Teenagers, bis ihre vermeintlichen Eltern ermordet werden und sie erfährt, dass sie als Baby aus Gilead herausgeschmuggelt wurde und dort als "die kleine Nicole" nach wie vor aus den Klauen Kanadas befreit werden soll.

Nur wenig älter ist die dritte Ich-Erzählerin, Agnes Jemima, die in der Familie eines der Kommandanten Gileads aufgewachsen ist. Das junge Mädchen muss erleben, wie eine neue Ehefrau ins Haus kommt und eine Magd einen Stammhalter für den Kommandanten austrägt und durch den Kaiserschnitt stirbt. Als sie selbst mit 13 Jahren verheiratet werden soll, zieht sie es vor, sich zur 'Tante' ausbilden zu lassen. Dass ihre wahren Eltern zur Widerstandsgruppe "Mayday" gehören, die von Kanada aus operiert, wird sie im Lauf der Romanhandlung erfahren.

"Die Zeuginnen": Inszenierung eines intriganten Systems

Margaret Atwood hat drei rasante Heldinnen erschaffen, deren furchtloser Einsatz zum Fall des giftigen Regimes führen wird. Etwas weniger Melodramatik, dafür eingehendere Beschreibungen der Widerstandsaktionen - und ein paar mehr liebenswerte männliche Akteure - hätte man sich gewünscht, aber die Inszenierung eines rundum menschenfeindlichen, heuchlerischen, intriganten Systems ist ihr perfekt gelungen.

Die Zeuginnen

von Margaret Atwood, aus dem Englischen von Monika Baark
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berlin Verlag
Bestellnummer:
978-3-8270-1404-7
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.09.2019 | 06:40 Uhr

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