Marie NDiaye: "Die Rache ist mein" © Suhrkamp

"Die Rache ist mein" - Abgründiger Roman von Marie NDiaye

Stand: 28.10.2021 10:18 Uhr

Maître Susane ist eine ambivalente und aufregende Figur. Als Anwältin stürzt sie sich in Kriminalfälle und begleitet ihre Mandanten mit einer Fantasie, die eher zu einer Autorin als einer Anwältin passt.

Marie NDiaye: "Die Rache ist mein" © Suhrkamp
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von Marie Schoeß

Noch etwas ist faszinierend an dieser Figur: Ihr Einfühlungsvermögen schert sich nicht um Moral. Maître Susane kann sich nicht nur in die Haut der mittellosen Frau ohne Papiere versetzen. Wenn man ehrlich ist, kitzelt eigentlich erst der Fall einer Kindsmörderin ihre ganze Empathie heraus.  

Anwältin mit einer Vorliebe für Verbrechen

Maître Susane hatte in der Presse nur gelesen, wie die Tat sich wahrscheinlich abgespielt hatte, wie diese von der Polizei entdeckt worden war, sowie das Protokoll von Marlynes ersten Worten.
Alles Übrige erfand sie, legte sie sich zurecht, aber, wie sie später feststellen würde, mit welch verstörender Hellsichtigkeit!
Und dies trotz ihrer tiefen Antipathie, ja ihrer Abscheu vor Marlyne Principaux! Leseprobe

Bekundete Antipathie hin oder her, die Anwältin ist hingezogen zu diesem Abgrund. Auch die Leserschaft ist fasziniert von der schrecklichen, aber doch so elegant erzählten Geschichte: Eines Tages steht ein Mann vor Maître Susanes Kanzlei, er bittet um Hilfe für seine Frau, die Frau - wie sich bald herausstellt -, die ihre drei Kinder in der Badewanne ertränkt hat.

Faszinierender Fall um eine Kindsmörderin

Maître Susane hatte schon davon gelesen: Von den drei Leichen, der Badewanne und von dem abwesenden Vater, der die Tat erst bemerkte, als er von der Arbeit nach Hause kam. Noch etwas hatte sie aus der Presse aufgeschnappt: Dass dieser Vater unangemessen reagiert hatte: "Principaux wirkte ganz einfach nicht hinreichend 'betroffen'."

Schon spannt sich ein ganzes Netz aus Literatur und Leben auf: Der Medea-Mythos schwebt natürlich von Anfang an über der Geschichte, aber noch mehr denkt man in diesem Moment an Camus' "Der Fremde" - diese große französische Erzählung, die danach fragt, was eigentlich ein angemessen emotionales Verhalten in einem tieftraurigen Moment ist. Mit welchem Recht wir zu wissen glauben, wie ein Mensch "angemessen" seine Trauer zeigt.

Nach welchen unanfechtbaren Kriterien, sowohl moralischer als auch psychologischer Art, konnte man darauf schließen, dass ihm, weil er ausgiebig lächelte, der Tod seiner Kinder nicht so viel ausmachte, wie er es sollte? Leseprobe

Die Autorin lässt ihre Leserschaft im Unklaren

Marie NDiaye belässt es nicht bei diesen Fragen, sie zeigt dem Leser auch nicht nur, wie nah man selbst den Gedanken einer Kindsmörderin kommen kann. Vielmehr führt die Autorin ihre Leser auf noch wackligeren Boden: Der Erzähler dieser Geschichte ist weder zuverlässig noch allwissend und Maître Susane entpuppt sich bald schon als mindestens eine Spur verrückt.

Zuerst wundert man sich also mit dieser Anwältin gemeinsam, warum sie diesen heiklen Fall übernehmen darf. Ein paar Seiten später wundert man sich dann schon ganz allein über etwas anderes: Stimmt all das überhaupt, fragt man sich da, oder ist das fremde Leid nur Projektionsraum für den eigenen Schmerz, die eigene Schuld der Anwältin?

Manchmal wünscht man sich, der Roman würde sein Flirren vom Beginn nie verlieren, er würde uns nie sicher sein lassen, ob wir es bei Maître Susane mit einem wahnhaften, unzuverlässigen Bewusstsein zu tun haben oder mit vertrauenswürdigen Erinnerungen, ob wir also eine Kriminalgeschichte oder ein Psychogramm lesen.

Ganz so radikal offen bleibt dieser Roman nicht, aber die Klage darüber ist auf hohem Niveau. "Die Rache ist mein" ist ein verführerischer, sprachgewandter Roman und erzeugt gerade in seiner ersten Hälfte einen wunderbaren Sog.

Die Rache ist mein

von Marie NDiaye, aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Seitenzahl:
236 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-43031-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.10.2021 | 12:40 Uhr

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