Bernhard Schlink: "Die Enkelin" (Cover) © Diogenes

"Die Enkelin": Aufrüttelnder Roman von Bernhard Schlink

Stand: 30.11.2021 21:11 Uhr

Berühmt wurde Bernhard Schlink 1995 mit dem Roman "Der Vorleser". Sein neuestes Buch "Die Enkelin" erzählt von einem alten Mann, der auf die Suche nach der unbekannten Tochter seiner verstorbenen Frau geht.

Bernhard Schlink: "Die Enkelin" (Cover) © Diogenes
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von Annemarie Stoltenberg

Kaspar ist Mitte 70 und Buchhändler in Berlin. Er hat gerade den Tod seiner Frau Birgit zu beklagen, die in den letzten Jahren für ihn allerdings kaum erreichbar war. Selbstzerstörerisch trank sie nur noch und hatte sich ganz in sich zurückgezogen. Angeblich arbeitete sie zu Hause an einem Roman.

Als ein Verleger nach ihren Texten fragt, macht Kaspar sich auf die Suche in ihrem Computer. Er findet Bruchstücke, eine Art Tagebuchsammlung, aus der er rekonstruieren kann, dass seine Frau Birgit ein ziemlich großes, belastendes Geheimnis mit sich herumgeschleppt haben muss.

Die unbekannte Tochter

Als Kaspar und Birgit sich in den 60er-Jahren in Ost-Berlin kennenlernten, war er dort nur Besucher und kehrte immer abends über den Bahnhof Friedrichstraße nach Westberlin zurück. Als er sie bat, ihn zu heiraten, machte sie zur Bedingung, dass er ihr zur Flucht aus der DDR verhülfe.

Erst jetzt erfährt er, dass Birgit damals schwanger war von einem verheirateten Mann. Sie bekam eine Tochter und ihre Freundin, der sie das neugeborene Kind anvertraut hatte, gab es heimlich dem Kindsvater. Birgit gelang dann ihre Flucht nach Westberlin.

Verbitterung bei den Bewohnern der ehemaligen DDR

Bernhard Schlink erzählt die Geschichte nicht nur auf der Folie der historischen Ereignisse, sondern er versucht, behutsam herauszufinden, was die politischen Systeme in den Seelen der Menschen angerichtet haben. Zum Beispiel, wenn er die Verbitterung einiger schildert angesichts der Entwicklung bis heute in den sogenannten neuen Bundesländern:

Im Osten war etwas Eigenes entstanden? Im Osten hatte es Unterdrückung, Unrecht und Unglück gegeben, Unterdrückung und Unrecht waren vorbei, die unterdrückten Ostdeutschen konnten wieder sein wie die nicht unterdrückten Westdeutschen und hatten keinen Grund mehr, anders zu sein. Wenn sie es doch waren, war es ungehörig und überdies undankbar, weil sie reich beschenkt worden waren, um so glücklich zu sein wie die glücklichen Westdeutschen. Leseprobe

Schwierige Suche nach der Tochter

Kaspar, der sich auf die Suche nach seiner Stieftochter macht, trifft auf wortkarge und übelgelaunte Zeitgenossen, während er den winzigen Spuren nachgeht, die zur Tochter seiner Frau führen könnten. Er sucht zuerst den Vater des Mädchens, der zur DDR-Zeiten Bürgermeister war und fragt sich zu ihm durch.

"Sie sind aus dem Westen."
"Ich bin aus Berlin. Für Westdeutsche sind wir in Berlin schon der Osten."
Der Alte holte ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche seines Mantels, zündete sich eine an, hustete und schüttelte den Kopf, als wisse er nicht, warum er hustete oder warum er rauchte oder warum er hier saß. "Ein Fliegenschiss seid Ihr, ein Fliegenschiss auf der Landkarte. Und wollt uns sagen, wo es hingeht."
"Ich will Ihnen nicht sagen, wo es hingeht. Ich weiß es nicht. Wissen Sie, ob Leo Weise wieder in Niesky lebt und wo?"
"Sind Sie von der Presse?"
"Ich suche seine Tochter. Sie hat geerbt."
"Geerbt? Aus dem Westen? Gibt‘s denn aus dem Westen was Gutes zu erben?" Leseprobe

Protagonist Kaspar will der Enkelin eine andere Welt zeigen

Kaspar wird auf verschlungenen Pfaden die Tochter seiner Frau finden. Sie lebt nach einer gruseligen Zeit im Drogenmilieu in einer Dorfgemeinschaft bei Güstrow mit einem rechtsradikalen Ehemann, von dem sie sich aus ihrer prekären Lage gerettet fühlt. Sie haben eine 14-jährige Tochter, die Sigrun heißt und ganz im Sinne der völkischen, deutschnationalen Ideologie des Vaters erzogen wird.

Kaspar versucht, seiner Stiefenkeltochter, die er in den Ferien zu sich nach Berlin einlädt, Zugang zu einer anderen Kultur zu eröffnen, ohne Geschichtsklitterung oder Leugnung deutscher Nazivergangenheit.

Schlinks Roman rüttelt auf und regt zum Nachdenken an

Bernhard Schlink hat einen Roman geschrieben, den man überall mit hinschleppt, falls sich noch eine winzige Möglichkeit ergibt, ihn weiter zu lesen. Er denkt sich in Biografien hinein, die in diesem sonderbaren Land namens DDR entstanden sind und erzählt, was aus den nach der Wende enttäuschten, sich als verkauft und verraten empfindenden Menschen geworden ist. Er begibt sich in Kreise, zu denen wir normalerweise weder Zutritt haben noch haben wollen.

Sein Roman zeigt, dass es unverzichtbar ist für unsere Gesellschaft, hinzugucken und hinzuhören! Da fahren ein paar Züge definitiv in die falsche Richtung. Aber außer brillant formulierten Sonntagsreden passiert irgendwie nichts, um das zu stoppen. Davon erzählt Bernhard Schlink in diesem aufrüttelnden Roman.

Die Enkelin

von Bernhard Schlink
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07181-8
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.11.2021 | 12:40 Uhr

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