Buchcover Sylvain Tesson: "Der Schneeleopard" © Rowohlt

Eine Reise zu den Schneeleoparden Tibets

Stand: 26.04.2021 13:15 Uhr

Sylvain Tesson ist ein Reiseschriftsteller. Für sein Buch "Der Schneeleopard" ist er gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier in die majestätische Bergwelt Tibets gereist.

Buchcover Sylvain Tesson: "Der Schneeleopard" © Rowohlt
Beitrag anhören 4 Min

von Annemarie Stoltenberg

Sylvain Tesson hat eine ganze eigene Würde, um über die Welt zu schreiben. Er bezieht das Weltwissen in jedem Satz mit ein. So heißt es, als die Gruppe nach einer anstrengenden, mühsamen Anreise in Tibet angekommen ist und sich auf Spurensuche begibt:

Vor ein paar Jahrtausenden hatte der Gott der Genesis (dessen Worte noch aufgeschrieben wurden, bevor er verstummte) genaue Anweisungen gegeben: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan". Inzwischen durfte man wohl davon ausgehen, dass das Programm erfüllt und die Erde "untertan" war: Zeit, der gebärenden Mutter endlich Ruhe zu gönnen. Wir waren acht Milliarden Menschen. Es waren noch ein paar tausend Leoparden übrig. Die Menschheit spielte kein faires Spiel mehr. Buchzitat

Sylvain Tesson schreibt über Einsamkeit und Kälte

Die kleine Reisegesellschaft besteht aus vier Personen. Da ist der Fotograf Vincent Munier, die Tierfilmerin Marie und ein Mitarbeiter namens Leo. Tesson fragt sich vor der Reise, ob er das aushalten kann, als leidenschaftlicher Läufer und Redner, diese lange Zeit des Wartens in Einsamkeit und Kälte, in 4.000 bis 5.000 Metern Höhe? Er beschreibt auch das Zusammenleben dieser kleinen Gruppe:

Munier und Marie liebten einander. Still, ohne leidenschaftliche Ausbrüche. Er, groß und athletisch, verstand es, die Welt zu lesen und respektierte das Rätselhafte an dieser biegsamen Frau, die nichts von sich preisgab. Sie, überaus schweigsam, bewunderte den Mann, der um Geheimnisse wusste, aber die ihren unangetastet ließ. Zwei junge griechische Götter in der Gestalt prächtiger, überlegener Tiere. Ich freute mich, sie zusammen zu erleben, selbst bei -20 °C. Buchzitat

Sylvain Tesson erzählt von der geschundenen Landschaft Tibets, von den Menschen, denen sie begegnen und von Momenten, die von überwältigender Schönheit strahlen.

Die Stunden verteilten sich gleichmäßig auf Gewaltmärsche und Phasen des Winterschlafs. Abends besuchten wir die Familie in der Nachbarbaracke. Hinter der Holztür wohliges Dunkel. In Tibet gleichen die Familienräume warmen Bäuchen, die für die Tage im Eisregen entschädigen. Buchzitat

Schneeleoparden: Fast nur für geübte Augen erkennbar

Ein kleines Foto - in der Mitte ist ein Falke zu sehen. Im Text erfährt man, dass auf diesem Bild ein Schneeleopard zu entdecken sei. Man guckt noch einmal und sieht ihn immer noch nicht. Tesson führt den Leser hin: Oben am Bildrand, über den Felsenrand guckt ein Schneeleopard dem Fotografen und uns praktisch mitten in die Augen. Aber selbst der geübte Blick von Munier hatte das übersehen, erst Monate später ist es ihm, als der das Bild erneut studierte, aufgefallen. Später zeigt Munier dieses Bild den Kindern einer Yak-Züchter-Familie, bei der sie zu Gast sind . Diese Kinder lassen sich nicht hinters Licht führen. Augenblicklich deuten ihre Finger in dem Bild auf den Schneeleoparden und sie jubeln.

"Der Schneeleopard": Deutsche Übersetzung überzeugt mit Anmut und Poesie

Auch Munier und seine kleine Reisegruppe haben irgendwann Glück. Nachdem ihre Geduld und Ausdauer harte Proben überstanden haben, entdecken sie einen Schneeleoparden.

Gegen Abend sahen wir den Leoparden noch einmal in den Zinnengängen oben auf dem Kamm. Er lag ausgestreckt, rekelte sich, erhob sich und ging mit wiegenden Schritten davon. Sein Schwanz peitschte die Luft und verharrte als Fragezeichen. Buchzitat

Man möchte vielleicht bei dieser Reise nicht dabei gewesen sein, aber es ist tief beglückend, davon zu erfahren. Die deutsche Übersetzung von Nicola Denis überzeugt mit ihrer Anmut und Poesie.

Der Schneeleopard

von Sylvain Tesson. Aus dem Französischen von Nicola Denis.
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt Hundert Augen
Veröffentlichungsdatum:
23.03.2021
Bestellnummer:
978-3-498-00216-9
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.04.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Alexander Solloch und Lisa Kreißler beim Diskutieren im Gewächshaus © NDR Foto: Alexander Solloch
75 Min

Podcast "Land in Sicht": Bücher voller Sehnsucht

Wir sprechen über Judith Hermann und Madame Bovary und unterhalten uns mit Sven Regener über das Bittersüße in der Kunst. 75 Min