Stand: 18.11.2018 10:00 Uhr  - NDR Kultur

Großer Roman über eine zerbrechliche Kindheit

Loyalitäten
von Delphine de Vigan, aus dem Französischen von Doris Heinemann
Vorgestellt von Juliane Bergmann
Delphine de Vigan: "Loyalitäten" © Dumont
Die vielfach prämierte Autorin weiß in "Loyalitäten" mit Worten zu bewegen und zu erschüttern.

Ganz bestimmt keine leichte Kost, das sind die Bücher der französischen Autorin Delphine de Vigan. Sie schreibt über Gewalt in der Familie, Gewalt in der Gesellschaft, Gewalt gegen sich selbst - und das stets mit autobiografischen Zügen. Ihr neuer Roman heißt "Loyalitäten".

Zerbrechlich sieht er aus, vielleicht: als sei er bereits zerbrochen, als habe man ihn gebrochen. Diese dunkle Ahnung beschleicht die junge Lehrerin Hélène, sobald sie ihren Schüler Théo sieht.

Ich dachte, der Kleine sei misshandelt worden, das dachte ich sehr bald, vielleicht nicht an den ersten Tagen, aber nicht lange nach Schuljahresbeginn, es war etwas an seiner Art, sich zu halten, sich dem Blick zu entziehen. Leseprobe

Die aufmerksame Lehrerin weiß, wovon sie spricht: Hélène wurde selbst als Mädchen vom Vater regelmäßig verprügelt. Kinder kann ihr Körper dank der schweren Misshandlungen nicht mehr bekommen. Sie ist eine der trostlosen, suchenden Figuren in Delphine de Vigans neuem Roman. Verheddert in einem komplizierten Gestrüpp arbeiten sie sich alle ab an ihren "Loyalitäten". Die - das stellt die Autorin im Vorwort klar - nicht nur Positives bedeuten:

Es sind "leise gemachte Versprechungen",
"in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden",
"Gesetze der Kindheit",
und "Gruben, in denen wir unsere Träume begraben."

Geheimnisse unter der Schultreppe

Tatsächlich bestätigt sich die Sorge der Lehrerin: Der zwölfjährige Théo hat ein Geheimnis. Er und sein Freund verstecken sich jeden Tag unter einer Treppe im Schulgebäude und trinken heimlich Alkohol.

Es ist eine Wärmewelle, die er nicht zu beschreiben weiß, versengend und schmerzlich und tröstlich zugleich, ein Moment, wie man ihn nicht oft erlebt und der bestimmt einen Namen trägt, der seine Intensität ausdrückt und etwas mit Verbrennung oder Explosion oder Detonation zu tun hat. Leseprobe

Zwischen den Welten der getrennten Eltern wechselt Théo wöchentlich. Territorien, in denen jeweils die Zeit "beim Feind" als ausgelöscht gilt. Der Junge erträgt diese Schizophrenie nicht mehr. Sagt aber nichts. Wie auch die anderen Figuren hat er das Schweigen unfreiwillig kultiviert. Ein Pakt - zwischen Kindern und Eltern, zwischen Schülern und Lehrern, zwischen Mann und Frau.

Ja, wir sind Verbrecher. Wahrscheinlich. Wenn man es so sieht. Wir verhandeln ohne Unterlass, machen Zugeständnisse, gehen Kompromisse ein, schützen unsere Brut, gehorchen den Gesetzen des Clans, lavieren uns durch, kochen unser eigenes Süppchen. Doch bis wohin? Bis wohin darf man der Komplize des Anderen sein? Bis wohin darf man ihm folgen, ihn schützen, ihn decken und ihm sogar als Alibi dienen? Leseprobe

Wahrheit ist wichtiger als Mitleid

Alle sind kaputt, einsam, dürsten nach Betäubung oder Ausbruch: das trinkende Kind, die traumatisierte Lehrerin, die nur zum Vorzeigen benutzte Ehefrau. Delphine de Vigan fährt keine Mitleidstour - ihr geht es nicht ums Bedauern, sondern um die Wahrheit hinter dem gesellschaftskompatiblen Chichi. Sie erzählt die einzelnen Kapitel aus stets wechselnder Perspektive. Deshalb sind wir mal Beobachter - erschrocken über die Handelnden. Mal stecken wir mittendrin - und verstehen plötzlich.

Der Autorin gelingen die Wechsel fließend. Sie textet unaufgeregt und auf den Punkt. Dennoch bleibt es ein bitteres Buch, manchmal kaum verkraftbar in seiner Schwere. Wäre da nicht diese zarte, liebevolle Zuversicht, irgendwo zwischen den Zeilen: Die Ungeliebten können lieben, die Ungesehenen sehen:

Im Gehen fiel ihm ein, dass er als kleiner Junge, wenn er Kieselsteine aufhob, gern so tat, als wären es verletzte Spatzen. Er hielt sie behutsam in der Hand, streichelte sie mit der Fingerspitze und redete ihnen manchmal sogar tröstend zu. Er versprach ihnen, sie würden wieder gesund, sie würden wachsen, er sagte ihnen, bald würden sie fliegen können. Und wenn jeder Kieselstein die Wärme seiner Hand aufgenommen hatte, wenn er beruhigt schien, dann steckte er ihn in die Tasche zu den anderen Steinen, die er gerettet hatte. Leseprobe

Ein großer Roman - trotz Kloß-im-Hals-Momenten: zeitgemäß, melancholisch und wahrhaftig.

Loyalitäten

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-8359-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.11.2018 | 12:40 Uhr

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