Stand: 03.04.2020 15:35 Uhr  - NDR Kultur

"Dankbarkeiten": Roman über Verlust und Erinnerung

Dankbarkeiten
von Delphine de Vigan, aus dem Französischen von Doris Heinemann
Vorgestellt von Peter Helling

Die in Paris lebende Autorin Delphine de Vigan gehört zu den wichtigsten Stimmen der neueren französischen Literatur. Die 1966 geborene Schriftstellerin schaffte ihren Durchbruch 2007 mit dem Roman "No & Ich", der auch verfilmt wurde. Ihre Bücher wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, der Roman mit dem Titel: "Nach einer wahren Geschichte" von 2015 stand wochenlang auf der französischen Bestsellerliste. Zuletzt erschien ihr Buch "Loyalitäten" auf Deutsch und jetzt ihr neuestes, es heißt "Dankbarkeiten".

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Die Autorin erzählt von einer vergesslichen alten Dame, die in ein Pflegeheim muss.

Können Bücher soziale Nähe ersetzen? Den Handschlag, die Umarmung eines alten Menschen, den man gerade besuchen möchte, was man aber nicht darf? Delphine de Vigans Roman "Dankbarkeiten" kann es. Es erzeugt spürbar Nähe, einfach nur beim Lesen.

Ich lege meinen Arm auf ihren. Ich suche nach Worten, möchte ihr etwas Tröstende sagen - "Die Damen sind nett" oder "Ich bin sicher, du findest hier Freundinnen" oder "Es gibt hier ziemlich viele Freizeitangebote" -, doch jeder dieser Sätze wäre eine Beleidigung für die Frau, die sie gewesen ist. Leseprobe

Zuneigung und Erhalt der Würde

Der kurze Roman erzählt eine Geschichte, wie sie heute, in diesen Tagen, nicht stattfinden darf: die Geschichte eines ungezwungenen Besuchs im Seniorenheim. Es geht ums Zuhören, das mühsame Erzählen, die Empathie zwischen den Generationen.

Michka oder Madame Seld, eine alte Dame von 84 Jahren, kann nicht mehr allein leben. Marie, die frühere Nachbarstochter, für die Michka fast wie eine Großmutter ist, organisiert den Umzug ins Heim. Die dritte Figur ist Jérôme, ein Logopäde, der mit Michka zweimal die Woche Sprachübungen macht: Denn die Dame leidet an Aphasie, sie verliert ihr Sprachvermögen, den Sinn für den Zusammenhang der Wörter.

"So, Michka, jetzt aber an die Arbeit! Hören Sie mir gut zu: Antiquitätenhändler, Schallplattenhändler, Buchhändler, Möbelschreiner. Welche Oberbegriff verbindet sie miteinander?" "Das Verschwinden?" Leseprobe

Physischer Verfall und Verlust der Sprache

Diese hingetupften Dialoge machen den Verfall physisch erlebbar, das liegt auch an der feinfühligen Übersetzung von Doris Heinemann. Michka beginnt zu stottern, zu stocken, erfindet ähnlich klingende Begriffe, die nur entfernt zu passen scheinen.

Delphine de Vigan lässt Marie und Jérôme jeweils aus der Ich-Perspektive erzählen, im ständigen Wechsel. Michka ist Jüdin, im Zweiten Weltkrieg hat ein Ehepaar sie bei sich aufgenommen und sie so vor der Deportation gerettet. Jetzt plagt die alte Dame, dass sie sich nie bei den beiden bedankt hat, denn sie weiß nicht, wo genau sie leben. Jérôme, der Logopäde, macht sich auf die Suche.

Eine Erzählung wie ein Kammerspiel

Der erzählerische Raum des Buches ist winzig, ein Kammerspiel, Schauplatz ist und bleibt Michkas Zimmer. Kleine Gesten werden groß, sie bedeuten umso mehr, je größer die Einsamkeit, die Isolation. Ein eleganter Schal, der Duft von Haarspray, ein Stück Fruchtgelee: Das Kleine wird hier zur ganzen Welt - und die große Welt passt in eine Nussschale. Als wäre der Roman für unsere Corona-Gegenwart geschrieben.

In das schwindende Bewusstsein Michkas sickert immer wieder das Grauen der Shoah.

Es passiert nachts, dass sie … sich vergraben … verlieren, nachts, wenn ich nicht einschlafen kann, ich weiß genau, das ist der Augenblick, in dem sie sich verfluchen, in dem sie sich verflüchtigen, da bin ich sicher, aber es ist nichts zu machen, ganze Waggons voll und ganz schnell. Leseprobe

Empathie zwischen den Generationen

"Dankbarkeiten" ist ein Buch über menschliche Würde - und das ohne einen Hauch von Sentimentalität. Es berührt, weil es ganz schlicht von der Zuneigung dreier Menschen füreinander erzählt, die nichts voneinander verlangen.

Marie ist ungewollt schwanger, Jérôme hat mit seinem Vater gebrochen, und irgendwann wird klar: Es ist Michka, die sich um ihre beiden jungen Betreuer kümmert und nicht umgekehrt. Der Autorin gelingt eine subtile Verschiebung der dramaturgischen Gewichte. Bei ihr wird der Pflegefall zur scharfsichtigen älteren Freundin, der nichts entgeht.

Zum ersten Mal in meinem Sehen habe ich angefangen, mich auf jemanden zu kümmern, ich meine jemand anderen als mich. Und das ist es, was alles ändert, weißt du, Marie. Angst um jemand anderen zu haben, jemand anderen als sich selbst. Du hast da eine große Chance. Leseprobe

Auch wenn Michkas "Okay" unfreiwillig komisch wie ein "Oje" klingt, ihr "Danke" wie ein "Dante": Die Kommunikation glüht noch einmal auf, sie funktioniert. Delphine de Vigans Roman liest sich wie ein Buch der Stunde.

Der Schrecken des Todes ist nie fern, aber wie eingehegt, ausgebremst. Das Grauen des körperlichen und geistigen Verfalls: abgemildert durch den zärtlichen Augenblick. Ein Buch wie ein fester Händedruck zwischen Alt und Jung - trotz alledem.

Dankbarkeiten

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8112-3
Preis:
20,00 €

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