Stand: 25.12.2018 00:01 Uhr

Christian Berkels Liebeserklärung an die Mutter

von Annemarie Stoltenberg
Christian Berkel © Gerald von Foris Foto: Gerald von Foris
Schauspieler Christian Berkel wurde 1957 in Berlin-Tegel geboren.

Christian Berkel kennen viele als Charakterdarsteller in zahlreichen Filmen. Er hat mit großen Regisseuren zusammengearbeitet und ist häufig im Fernsehen zu sehen. Zurzeit am bekanntesten ist er wohl in der Serie "Der Kriminalist" als Bruno Schumann. Schon vor vielen Jahren hat er gelegentlich von seiner Herkunft und seiner Familie erzählt und immer gesagt: "Vielleicht schreibe ich das eines Tages auf." Das hat er nun getan und entstanden ist ein Roman, über den Daniel Kehlmann urteilte, es sei nicht etwa der Roman eines Schauspielers. Christian Berkel sei Schriftsteller - und was für einer!

Die Geschichte ist in mehreren Ebenen erzählt, die widerspiegeln, auf welche Weise sich Christian Berkel seiner Geschichte genähert hat. Da sind die Gespräche mit seiner inzwischen sehr alten Mutter über ihre Erinnerungen an die Nazi-Zeit, an ihre Flucht aus Deutschland nach Paris, nach Frankreich, später zurück nach Leipzig, wo man sie versteckt hat und schließlich die Emigration nach Argentinien, nach Buenos Aires. Von dort ist sie zurück gekehrt und der großen Liebe ihres Lebens wieder begegnet. Er hatte unterdessen eine andere Frau geheiratet, ließ sich wieder scheiden und so wurde er Christian Berkels Vater. Das ist in groben Zügen die Geschichte. Im Kopf und den Erinnerungen der Mutter hatte sie sich, als Berkel anfing, sie gezielt zu befragen, schon deutlich verändert.

Liebeserklärung an die Mutter

Diese Lücken hat Christian Berkel durch gründliche Recherchearbeit versucht aufzufüllen. Während der langjährigen Vorarbeiten zu seinem Roman gab es aufregende und beglückende Momente. Zu Beispiel als er im Archiv der Akademie der Künste in Berlin im Nachlass seines Großvaters, des Schriftstellers und Anarchisten Wolfgang Nohl, Briefe seiner Mutter aus Buenos Aires fand. Herzklopfen pur beim Öffnen der Archivschachteln und Anblick ihrer Schrift. Sie muss eine liebevolle und beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Christian Berkels Roman ist durchaus als Liebeserklärung an seine Mutter zu lesen.

Kriegstraumata in der zweiten und dritten Generation

"Der Apfelbaum" als Titel hat eine besondere Bedeutung. Unter diesem Apfelbaum saßen nach dem Krieg seine jüdische Mutter und ein Verwandter, der aus den USA zu Besuch gekommen war, und unterhielten sich. Als das Kind wissen wollte, worüber sie denn sprachen, sagte die Mutter - aus ihrem Gespräch über die finstere Nazi-Zeit und die damalige Terminologie kommend - zu dem Kind, er sei ja auch halb Jude und halb Deutscher. Für Christian Berkel war es ein Schock. Nur halb, das konnte doch nur bedeuten, dass er nicht ganz, nicht vollständig, also kaputt sei. So hat er es als Kind verstanden. In seinem Roman arbeitet er so auch das auf, was wir als Kinder dieser Generation alle in uns tragen. Kriegstraumata in der zweiten und dritten Generation.

Gut erzählter Roman

Der große Vorzug seines Romans ist, dass er den Versuchungen einer wirklich abenteuerlichen, packenden Lebensgeschichte nicht erlegen ist und etwas Gefälliges, einfach gut Erzählbares, Rührendes daraus gemacht hat. Er beschreibt, wie brüchig, wie fragil unsere Lebensläufe sind und wie zweifelhaft und gleichzeitig wie wichtig jedes Erinnern ist.

Der Apfelbaum

von Christian Berkel
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Veröffentlichungsdatum:
12.10.2018
Bestellnummer:
9783550081965
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.12.2018 | 16:20 Uhr

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