Stand: 19.03.2019 14:17 Uhr

Satire auf den Literaturbetrieb

von Katja Weise
Charles Lewinsky: "Der Stotterer" © Diogenes Verlag
In diesem Roman spielt der Autor mit Dichtung und Wahrheit.

In der Schweiz zählt Charles Lewinsky zu den vielseitigsten, erfolgreichsten und bekanntesten Autoren. In "Gerron" hat er 2011 auf einfühlsame Weise die Geschichte des jüdischen Unterhaltungskünstlers Kurt Gerron erzählt, der 1945 in Auschwitz ermordet wurde. Auch "Kastelau", 2014 nominiert für den Deutschen Buchpreis, nimmt Bezug auf eine historische Begebenheit. Anders als "Andersen", 2016 erschienen, doch wieder geht es um die Macht des Bösen und der Manipulation. Manipulation ist auch ein großes Thema in dem neuen Roman von Lewinsky: "Der Stotterer".

Eine Begabung fürs Schreiben

Okay. Natürlich mache ich mich. Ich wäre dumm, wenn ich es nicht täte. Halten wir unsere Abmachung fest: Sie sorgen dafür, dass ich den Posten in der Bibliothek bekomme, und ich verpflichte mich, Geschichten aus meinem Leben für Sie aufzuschreiben. Weil ich doch - Ihre Formulierung - eine Begabung für das Schreiben habe. Leseprobe

Die hat er, zweifelsohne, der Erzähler Johannes Hosea Stärckle, ein Mann, der im Gefängnis sitzt und mit dem Gefängnisseelsorger eine Vereinbarung trifft: Bibliotheksposten gegen Geschichten. Viele schreibt er auf für den Padre, wie er ihn nennt. Erfundene? Wahre? Erinnerte? Wer wollte darüber entscheiden, wenn allein einer zu Wort kommt? Einer, der großen Spaß hat an der Manipulation und der überspitzten, eleganten Formulierung:

Wo soll ich anfangen? In der Jugend nehme ich an. Meine Familie war kleinkariert wie ein Kreuzworträtsel. Eins waagrecht, sechs Buchstaben: Natürliche Feinde jedes Kindes. Eltern. Mein Vater kämmte sich die Haare über seine Glatze. Mehr gibt es über seinen Charakter nicht zu sagen. (...) Meine Mutter trug Kittelschürzen. Damit ist auch sie umfassend beschrieben. Leseprobe

Der Autor spielt mit dem Leser

Der Häftling spielt sein Spiel, nicht nur mit dem Padre. Lewinsky das seine mit den Lesern. Klar scheint nur: Der Stotterer, der wegen dieser Sprechhemmung zum Schreiber geworden ist, hatte ein unglückliche Kindheit, geprägt von Gewalt und Missbrauch.

Lass nicht ab, den Knaben zu züchtigen. Das war ein Lieblingszitat meines Vaters. Wir gehörten zu einer Gemeinde mit schlagkräftigen Argumenten. Leseprobe

Deren Vorsteher Bachofen Bibelzitate immer entsprechend auszulegen weiß. Das Stottern sucht er durch Schläge zu therapieren, gegen einen homosexuellen Jungen wendet er noch ganz andere Mittel an, obwohl er selbst entsprechend geneigt sein könnte. Wenn denn die Geschichten, die Stärckle über Bachofen erzählt, stimmen. Wer weiß das schon? Der Leser zumindest verliert irgendwann den Überblick: Er ist den Geschichten, die hier virtuos zu Papier gebracht werden, ausgeliefert.

Lewinsky zeigt auf beeindruckende Weise, wie viel Macht das geschriebene Wort haben kann, wie es Leben erfinden und manipulieren kann. In Zeiten von "Fake News" ist das durchaus perfide, andererseits taucht man lustvoll ab in die Aufzeichnungen des Johannes Hosea Stärckle.

Geschichten schreiben ist wie lügen

Geschichtenerfinder müssen keine Bekenner sein, sondern gute Lügner. Wer ein Märchen erzählt, muss an die Feen und sprechenden Tiere nicht glauben. Er muss sie nur so beschreiben können, dass der Leser daran glaubt, und selbst das nur für einen kurzen Moment der Lektüre. Leseprobe

Darum geht es Lewinsky im Kern. Fast nebenbei entwickelt er noch eine Krimihandlung rund um den Häftling, im Gefängnis, Stichwort Drogenschmuggel, und lässt ihn schließlich an einem Schreibwettbewerb teilnehmen. Wie eine Spinne sitzt Stärckle in einem Netz und zieht für andere kaum bemerkbar die Fäden. Er wird zum Helden, zum begehrten Debütanten. Mutmaßlich sogar zum Bestsellerautor, mafiöse Strukturen machen es möglich.

Insofern kann man den "Stotterer" auch als Satire auf den Literaturbetrieb lesen. Ein Roman wie ein Labyrinth, in dem man sich gerne verläuft, obwohl Lewinsky mit dem Helden keine Identifikationsfigur bietet, Stärckle ist und bleibt eine zwielichtige Gestalt:

Nein, ich hatte kein schlechtes Gewissen. Meinem Gewissen geht es wie mir: Es stottert. Bis es seine Einwände zu Ende formuliert hat, habe ich schon gehandelt. Leseprobe

Der Stotterer

von Charles Lewinsky
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07067-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.03.2019 | 12:40 Uhr

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