Stand: 04.02.2020 15:58 Uhr

Hamburgs Kultursenator stellt neues Buch vor

von Daniel Kaiser

Kunst und Kultur sind nicht der Goldrand am Teller. Kulturpolitik verhandele zentrale Themen unseres Zusammenlebens - das schreibt Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda in seinem neuen Buch "Die Kunst der Demokratie". Dabei sehe sich die freie Kunst immer schwereren Attacken ausgesetzt.

Carsten Brosda zu Gast bei NDR 90,3. © NDR Foto: Alexander Dietze
Nach "Die Zerstörung" veröffentlicht der Hamburger Kultursenator innerhalb nur eines halben Jahres bereits sein zweites Buch.

Die Angriffe werden schärfer. Es geht um die Freiheit der Kunst. Die sei bedroht, schreibt Carsten Brosda in "Die Kunst der Demokratie". Als Beispiele nennt der Hamburger Kultursenator Bürgerschaftsanträge wie den, die Förderung der Kulturfabrik Kampnagel einzustellen, um stattdessen das öffentliche Grün zu pflegen. Es gebe viele solcher Versuche, die Grenzen, in denen sich kulturelle Akteure bewegen dürfen, enger zu machen, sagt Brosda. Dass in Berlin das Gomringer-Gedicht "Avenidas" von einer Hauswand verschwinden musste, weil Studierende es für sexistisch hielten, zeigt, dass die Angriffe auf die freie Kunst indes nicht nur von rechts kommen.

Carsten Brosda fordert selbstbewusstere Kultur-Politik

Brosdas Buch ist dabei ein starkes Plädoyer für eine selbstbewusste Kultur-Politik. Diese habe sich viele Jahre lang künstlich kleingemacht. Kultur-Politik bestünde bislang häufig vor allem darin, Fördergelder so zu verteilen, dass sich keiner zu laut beschwere. "Wenn man dann darüber hinaus noch geistreiche Grußworte bei Sonntagsmatineen gehalten hat, war die Jobbeschreibung eigentlich durch", sagt Brosda. Mittlerweile gebe es aber die Einsicht, dass in der Kultur entscheidende Fragen diskutiert werden: "Wie gehen wir mit Vielfalt um? Was ist eigentlich das gemeinsame kulturelle Erbe? Was macht unsere Gesellschaft im innersten Kern aus?" Kulturpolitik würde sich an sich selbst versündigen, wenn sie sich diesen Fragen entzöge. "Wir sind als Kulturpolitiker gefordert, auch auf den Platz zu gehen", sagt Brosda. Die neue Kulturministerkonferenz mit ihrem deutlichen Bekenntnis zur Freiheit der Kunst sei dabei ein wichtiges Signal.

Buchkapitel über Helmut Schmidts Haltung zur Kultur

Ein ganzes Kapitel widmet Brosda Helmut Schmidt, der als kalter Technokrat galt und alle mit einem Mozart-Klavierkonzert überraschte. Schmidts Kulturverständnis sei aber tiefer gegangen. Er gilt beispielsweise als einer der Initiatoren der Künstlersozialkasse. "Die Rahmenbedingungen für eine freie Kunst haben Helmut Schmidt umgetrieben. Es war für ihn unerlässlich, dass Kunst, Kultur und Politik im Gespräch miteinander sind." 

Beispielhaft für Brosda ist das goldene Haus auf der Veddel, jenes im Hamburger Stadtteil und auch in Brosdas SPD umstrittene Kunstprojekt von Boran Burchardt: eine vergoldete Fassade in einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Einer der goldenen Steine hat es auf das Cover des Buches geschafft.

"Die Kunst der Demokratie" ist keine Strand-Lektüre

Der Kultursenator redet wie gedruckt. Und wenn er schreibt, muss man manches zwei Mal lesen. Auf Seite 20 heißt es: "Kunst und Kultur kreisen um die Sinnfragen, um jene Dimension der Kohärenz, die eine Gesellschaft braucht, um nicht nur in sozial-funktionalistischen Mechanismen, sondern auch in normativ-pragmatischer Verständigung zu sich selbst zu finden."  Strandlektüre ist das nicht. "Ich kann nicht ganz verhehlen, dass ich mich sehr intensiv mit Habermas auseinandergesetzt habe", räumt Brosda ein. Insofern schimmere der Sound manchmal durch. "Aber er durchzieht nicht das Buch." Carsten Brosda ist ohne Frage ein Intellektueller. Vielleicht gerade der Intellektuelle in der Hamburger Politik. Wenn man Freude an klugen, differenzierten Gedanken in dieser Stratosphäre hat, ist das Buch eine lohnenswerte Besinnung auf die Kraft der Kultur in unserem Zusammenleben.

Die Kunst der Demokratie

von Carsten Brosda
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Hoffmann und Campe
Veröffentlichungsdatum:
04.02.2020
Bestellnummer:
978-3-455-00840-1
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.02.2020 | 19:45 Uhr

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