Anne Weber © mago images / STAR-MEDIA

"Wie kann ich von einem Menschen erzählen, den es wirklich gibt?"

Anne Weber, die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises, spricht mit Alexander Solloch über ihr Werk "Annette, ein Heldinnenepos".

Im Sommer dachte Anne Weber nach eigenem Bekunden schon: "Okay, das war's jetzt mit diesem Buch." Die Besprechungen waren geschrieben, die Resonanz war sehr freundlich, alles gut - und nun konnte es auch weitergehen. Dann die dreifache Überraschung: Ihr Versroman "Annette, ein Heldinnenepos" tauchte zunächst auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auf, dann gar auf der Shortlist - und schließlich und endlich hat er den Preis am vergangenen Montag tatsächlich auch gewonnen.

Was ist das nun für ein sonderbares Buch, in Versen geschrieben mit geradezu soghafter Wirkung? NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch spricht mit der Übersetzerin und Schriftstellerin Anne Weber über ihre Entscheidung, die alte Form des "Heldenepos" als "Heldinnenepos" wiederzubeleben, und natürlich über die Heldin selbst, die Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir.

Sie erzählen in Ihrem neuen Buch, das Sie nicht Roman nennen, sondern Epos, die Geschichte der Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir. Sie kämpfte erst in der Résistance, dann für die algerische Befreiungsbewegung gegen die französischen Besatzer. Ganz am Ende erzählen Sie, wie Sie sie kennengelernt haben, davon, wie eine große, ernste Deutsche dieser alten Dame fasziniert dabei zuschaut, wie sie sich an einer Podiumsdiskussion beteiligt und Sie im Anschluss beim Abendessen nebeneinander sitzen und ins Gespräch kommen. Im Text ist dann die Rede von einem "coup de foudre" - Liebe auf den ersten Blick. Was ist da genau passiert?

Anne Weber: Es war zunächst einmal einer dieser Momente, in denen man sich ein wenig klein und dumm vorkommt. Ich saß dort und habe - wie man es bei solchen Podiumsdiskussionen manchmal tut - irgendwelchen Quatsch erzählt, zu Dingen, über die ich befragt wurde, über die ich aber wenig Ahnung hatte (lacht). Nun saß da jemand im Publikum, der die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt hatte und viel Interessanteres dazu hätte beitragen können als ich. Aber ich war auch von Anfang an von der Person Anne Beaumanoir, von ihrer Erscheinung, ihrer Schönheit, ihrer Art zu sprechen so angezogen. Das hat mich regelrecht in den Bann gezogen.

Buchpreisträgerin Anne Weber © NDR.de / Alexander Solloch Foto: Alexander Solloch

AUDIO: Das Gespräch in voller Länge (27 Min)

Ich erzähle ihr Leben in dem Buch chronologisch von der Geburt an und komme deshalb auch ganz am Ende erst vor. Als ich sie kennengelernt habe, war sie schon weit über 90.

Verwenden Sie den Begriff "coup de foudre" auch, um etwas Distanz zu stiften? Würden Sie zuletzt sagen, "Verliebtheit" sei das richtige Wort?

Weber: Ja, insofern, dass "Verliebtheit" auch verwendet werden kann für eine Art Anziehung nicht sexueller Art. Aber es war und bleibt eine starke Anziehung.

Wie kamen Sie denn zu dem Gedanken, sie müssten über sie schreiben? Eine Autobiografie gibt es ja bereits. Man könnte meinen, es sei schon alles erzählt.

Weber: Es war nicht so, dass ich sie kennengelernt habe und mir dachte, diese Geschichte will ich in einem Buch erzählen. Ich wollte zunächst einmal diese Frau kennenlernen und mehr über ihre Geschichte erfahren. Das ist dann auch geschehen. Ich habe sie mehrfach besucht - in Südfrankreich und in der Bretagne, wo sie geboren ist und die Wintermonate verbringt. Sie hat mir dann auch von ihrem eigenen Buch erzählt. Ich fand das Buch gleich hochinteressant, aber es ist die Art Buch, die jemand für seine Kinder und Kindeskinder schreibt. Sie ist ja keine Schriftstellerin, sodass ich dachte: Da ist doch noch Raum für ein anderes Erzählen.

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Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos" (Buchcover) © Matthes & Seitz

Lesung: "Annette, ein Heldinnenepos"

Sonja Beißwenger liest einen Auszug aus dem Buch "Annette, ein Heldinnenepos" der Buchpreisträgerin Anne Weber. mehr

Da stellt sich dann die sehr interessante Frage nach der Gestaltung. Wie erzähle ich das? Wenn man das Buch aufschlägt, fällt auf: Die Geschichte ist in Versform verfasst. Welche Gedanken haben zu dieser Entscheidung geführt?

Weber: Die Frage, die ich mir als allererstes gestellt habe, war die: Wie kann ich von einem Menschen erzählen, den es wirklich gibt, der dieses Leben wirklich gelebt hat und noch lebt? Darf ich alles mit dieser Frau machen? Darf ich ihre abenteuerliche Geschichte für meine literarischen Zwecke nutzen? Mir war relativ schnell klar, dass ich das nicht darf und dass ich nicht den klassischen Roman würde schreiben können, in dem man Details hinzufügt und ausmalt, den Protagonisten Worte in den Mund legt, die sie nie gesprochen haben. Mir wäre das anmaßend und auch unredlich erschienen. Es war im Grunde eine Gewissensfrage. Diese ist mit einer literarischen Frage nach der Gestaltung zusammengefallen. Und da ist mir eingefallen, dass es eine uralte literarische Form gibt, in der von je her wagemutige Taten besungen werden: das Heldenepos. Und da war für mich der Weg frei für mein Heldinnenepos, durch den Rythmus und durch die Form abzurücken von einer zu realistischen Darstellung.

Das Gespräch führte Alexander Solloch.

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