Stand: 09.05.2018 07:21 Uhr

"Früher hing das Telefon im Flur an der Wand"

von Janek Wiechers

Der Journalist und Autor Bruno Preisendörfer hat zahlreiche Sachbücher und Romane geschrieben, in denen es um Deutschland zur Goethezeit oder um die Sprache Luthers geht. Sein neues Buch dreht sich um Dinge, die verschwinden, wie elektronische Geräte oder Schallplatten. Am Dienstag war der gebürtige Bayer mit seinem neuesten Werk "Die Verwandlung der Dinge" in Braunschweig zu Gast.

Bild vergrößern
Bruno Preisendörfer wurde 1957 in Unterfranken geboren, seit 1982 lebt er in Berlin.

"Mitte der 70er-Jahre hab ich Rasen gemäht und mir damit die Lizzy verdient. Und wenn ich dann mit dieser Lizzy nachts heimlich noch Musik gehört habe, dann habe ich die so aufs Kopfkissen gedrückt, damit meine Eltern das nicht mitgekriegt haben."

Mit einer wehmütigen Anekdote über Lizzy, Bruno Preisendörfers altes Kofferradio aus Jugendzeiten, beginnt ein heiterer Lese- und Plauderabend. Sie ist der Ausgangspunkt für viele weitere, zumeist belustigende Geschichten, die sich vor allem um technische Geräte ranken.

Die Schreibmaschine mit der blauen Taste

Errungenschaften - erfunden, um das Leben vermeintlich einfacher zu machen, um dann stets von noch technisch ausgereifteren, noch moderneren Geräten abgelöst zu werden. Bruno Preisendörfers erste elektronische Schreibmaschine ist so eines:

"Die elektronische Schreibmaschine hatte den großen Vorteil, dass die sich etwas merken konnte. Also, meine elektronische konnte sich allerdings nur eine Zeile merken. Da war so eine blaue Taste und dann konnte man die antippen und dann hat die ausge-xt. Also ich musste nicht mehr rumfummeln mit Tipex. Wenn ich aber die Returntaste gedrückt habe, dann war das Gedächtnis weg."

Weder Nostalgiker noch Euphoriker

Was Preisendörfer erzählt, und wie er seine vergnüglichen Geschichtchen präsentiert, ist wahnsinnig komisch. In lockerem Ton, verschmitzt, philosophiert der schmale Autor mit der Nickelbrille darüber, wie sich die Dinge wandeln, Innovationen kommen und gehen. Der sympathische Schriftsteller, der 2016 mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde, macht das sehr charmant. Ohne pessimistischen Unterton, nach dem Motto: "Früher war alles besser" - sondern augenzwinkernd, dennoch ab und zu kritisch. Aber nie beschönigt oder überhöht Preisendörfer das, was war und er stellt Neues nicht grundsätzlich infrage:

Bild vergrößern
Mit dem Buch "Als unser Deutsch erfunden wurde" gewann Preisendörfer 2016 den NDR Kultur Sachbuchpreis.

"Entweder bin ich der Nostalgiker und jammere den alten Sachen hinterher. Oder ich bin der Euphoriker und liege vor jedem neuen Ding auf dem Bauch. Weder das eine noch das andere. Sondern ich finde es wichtig, dass man sich da nicht von Grundsatzpositionen, sich da ins Bockshorn jagen lässt."

Gebührenzähler gegen WG-Bürgerkrieg

Preisendörfers unbekümmerte Weise, die Welt der schwindenden Dinge in Anbetracht unaufhaltsamen technischen Fortschritts zu beleuchten, verfängt beim Publikum. Immer wieder wird gelacht. Wie das analoge Telefon nach und nach verschwindet und wie absurd manches aus heutiger Sicht erscheint - wohl jeder im Publikum hätte Ähnliches zu berichten:

Weitere Informationen
NDR Kultur

Preisendörfer gewinnt Sachbuchpreis 2016

NDR Kultur

Der Schriftsteller und Publizist Bruno Preisendörfer erhält in diesem Jahr den mit 15.000 Euro dotierten NDR Kultur Sachbuchpreis für "Als unser Deutsch erfunden wurde.“ mehr

"Früher war das Telefon eben ein Gerät, was im Flur an der Wand hing. Mit einer langen Schnur. Damit jeder damit in sein Zimmer gehen kann. Und damit es keinen Bürgerkrieg in der WG gab, gab’s einen Gebührenzähler."

Anrufbeantworter-Monopol der Bundespost

Von der Lächerlichkeit nass abzuspielender Langspielplatten handelt der Abend, vom Monopol der einstigen Deutschen Bundespost auf Anrufbeantworter und von absurd kleinen Fernsehgeräten der 60er-Jahre im Kontrast zu heutigen TV-Geräten, größer als Fenster. Preisendörfer hinterfragt und analysiert und wundert sich. Diese neugierige Art die Welt zu betrachten, weckt beim Braunschweiger Publikum so manch eigene Erinnerung:

"Humorvoll. Sehr angenehmer Abend. Klar, man hat dann schon mal so einen Rückblick ins eigene Leben gewagt - und ist schon ganz lustig, was es da so alles gab."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.05.2018 | 07:21 Uhr

Mehr Kultur

01:02
NDR 1 Welle Nord

1918 - Aufstand der Matrosen

04.11.2018 20:15 Uhr
NDR 1 Welle Nord
38:27
NDR 1 Welle Nord

Jens Becker - Matrosenaufstand fürs Fernsehen

23.10.2018 20:00 Uhr
NDR 1 Welle Nord
48:26
NDR Info

Unterleuten (4/6)

21.10.2018 21:05 Uhr
NDR Info