Stand: 10.01.2019 13:00 Uhr  | Archiv

Havannas Licht- und Schattenseiten

von Stefanie Groth

Auch wer nie in Kuba war, wird ein Bild vor Augen haben, wenn er an die Karibikinsel denkt. Vor allem von der legendären Hauptstadt Havanna. Sei es durch Wim Wenders' Dokumentarfilm "Buena Vista Social Club" oder durch Fotografien - es ist ein Bild, das von unbändiger Lebensfreude sprüht. Von farbenprächtigen Hausfassaden und Karibikflair. Von Menschen, die in sonnendurchfluteten Straßen tanzen, musizieren, lachen. Es ist vor allem ein Bild, das trügt, weil es den Mangel und Verfall des Landes ausblendet. Genau diesen Blick hat die Fotografin Eva-Maria Fahrner-Tutsek mit ihrem Bildband "Havana. Short Shadows" eingefangen.

Centro Habana - ein marodes Stadtviertel

Krumm und schief wächst die Wendeltreppe aus der Decke auf den Fußboden. Mehr wackliges Gerüst als Aufgang. Das Gebäude mehr Kriegsruine, als Wohnhaus. An der Wand bröckelt der Putz, im Boden sind Fliesen ausgebrochen. Überall hängen Stromkabel aus den Wänden. In der Mitte des Treppenhauses sitzt eine junge Frau teilnahmslos auf einem kaputten Plastikstuhl. Links von ihr ein kleines Mädchen, das seine Hand auf ihren Schoß gelegt hat und fragend zu ihr hoch schaut.

Vor der Tür: marode, farblose Fassaden, Stromkabelsalat, der sich von einem Haus zum Nächsten zieht. Wie die Kulisse einer ausgestorbenen Geisterstadt. Das einzig lebhafte: zwei Jungen, die Fangen spielen. Eine Frau die an die Haustür gelehnt mit dem Handy telefoniert.

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man vermuten, dass diese Fotografien in Aleppo oder Bagdad aufgenommen worden sein müssen. Aber wir befinden uns weit weg von diesen Orten. Auf der anderen Seite des Globus, in Havanna - Kubas Hauptstadt.

Das Leben findet auf der Straße statt

Die Kunstmäzenin Eva-Maria Fahrner-Tutsek führt es im Februar 2017 dorthin: "Dann bin ich auf der Insel. Trete Schritt für Schritt in das Leben der Stadt. Zugang und Empfang sind distanziert. Auf beiden Seiten. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und die erlebte Angst. Für uns aus dem ehemals geteilten Deutschland nicht ganz unbekannte Stimmungslagen."

Konzentriert trainiert der Nachwuchs der berühmten Ballettschule die Choreographien. Unter den fordernden Augen der Tanzlehrerin -und jenen der jüngeren Schüler. Sie knien am Rand und schauen gebannt zu.

"Ich lasse mich treiben und finde mich in Centro Habana, einem anderen Stadtteil wieder. Keine Ausländer mehr. Die Wohnhäuser in einem noch schlechteren Zustand. Junge und ältere Männer auf der Straße. Sie sitzen auf der Türschwelle im Schatten, warten, schauen. Manchmal auch mit einem gemeinsamen Spiel beschäftigt." Leseprobe

Die Arbeitslosigkeit ist an vielen Orten sichtbar

Eine Frau, die in der leeren Beletage eines Hauses Dutzende Bettlaken aufhängt, die wie weiße Segel sanft vor sich hin wogen. Nachbarn, die ein Schwätzchen halten. Verkäufer, die vor leeren Regalen, in denen gerade mal fünf Stück Seife und sechs Tuben Zahnpasta liegen, auf Kundschaft warten. Es sind vor allem die Menschen, die Fahrner-Tutsek ablichtet. Und immer wieder kleine Details, die von der Mangelwirtschaft Kubas zeugen.

"Arbeitsmöglichkeiten sind fühl- und erfahrbar beschränkt. Ebenso das Einkaufen. Die Stadt hat einen selbstversunkenen, entrückten Rhythmus zwischen Licht und Schatten. Ich ergebe mich ihm." Leseprobe

Kubas Hauptstadt ohne Karibik-Flair

Eva-Maria Fahrner-Tutsek 1952 in Hamburg geboren, ist eigentlich promovierte Psychologin. Doch seit ihrer Kindheit fotografiert sie auch. Sie zeigt Havanna als eine Stadt in Warteschleife. Leise Fotografien von Menschen, die antriebslos, resigniert wirken. Die tagsüber entspannt auf der Straße sitzen - nicht weil das zum südlichen Lebensgefühl gehört, sondern weil es nichts zu tun, keine Jobs gibt.

"Havanna ist eine Herausforderung für die Sinne. Grelle Sonne und dunkle Schatten wechseln sich in den Straßen ab. (...) Gezeichnete Gesichter. Das Leben in der alten Pracht ist beengt und beschwerlich. Oder unmöglich geworden."

Für ein Klischee-Kuba ist in Fahrner-Tutseks Fotografien kein Platz. Kein Karibikflair, kein temperamentvolles Musikparadies, keine revolutionäre Nostalgie. Es ist nicht das Kuba unserer Träume, in das wir uns alle so gern voller Fernweh entfliehen, sondern das Kuba, in dessen ernüchternder Realität die Menschen tagtäglich erwachen.

Havana. Short Shadows

Seitenzahl:
164 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Essays von Michael Freeman und Leonardo Padura, einem der bekanntesten Autoren der Karibikinsel. - Texte in Spanisch, Deutsch und Englisch, 60 Abbildungen in Farbe, 30 x 24 cm, gebunden.
Verlag:
Hirmer Verlag
Preis:
29,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.01.2019 | 17:40 Uhr

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