Stand: 11.12.2019 16:48 Uhr  - NDR Info

Bestseller als E-Book: Mangelware in Bibliotheken

von Joachim Hagen

E-Books aus der Leihbücherei: Dieses Angebot ist ein Erfolg. Millionen Leser nutzen diese "Onleihe" und laden sich digitale Bücher aufs Handy oder Tablet. Jetzt gibt es Streit um die um die E-Books aus der Bibliothek. Der Buchhandel und Verlage fürchten, dass dieses Angebot den Markt für E-Books kaputt macht. Ein Treffen mit der Leiterin der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, Frauke Untiedt.

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Dass wegen der sogenannten Onleihe weniger E-Books verkauft werden - diese Gefahr sieht Frauke Untiedt, Leiterin der Bücherhallen Hamburg, nicht.

Im Eingangsbereich der Hamburger Zentralbibliothek steht ein weiß-blauer Terminal mit einem Touchscreen. Hier können sich die Besucher informieren, welche E-Books sie sich ausleihen können. Die Direktorin der Hamburger Bücherhallen, Frauke Untiedt, erklärt, wie die digitale Suche funktioniert: "Ich gebe zum Beispiel den Namen der Autorin Nora Bossong in der Suche ein und bekomme den Titel 'Schutzzone' angezeigt. Ich kann auf dem Display sehen, dass wir den sowohl als E-Book als auch als E-Audio zur Verfügung stehen haben. Wenn ich den Titel auswähle, kann ich mir angucken, welche Informationen wir dazu haben und den Titel hier vor Ort vormerken", sagt Untiedt.

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Lange Wartelisten für Bestseller-E-Books

Obwohl die Bücherhalle das E-Buch fünf Mal im Bestand hat, ist die Warteliste lang. "Schutzzone" von Nora Bossong ist zurzeit der Liebling in der Ausleihe. Aber, wie bei "richtigen" Büchern auch, kann jedes Exemplar jeweils nur an einen Leser verliehen werden. Nach Ende der Leihfrist erlischt das Buch auf dem E-Reader und der nächste Leser kann es herunterladen. Zu wenige Exemplare: Das ist für Untiedt nicht das größte Problem. Gravierender ist für sie, dass die Bestseller zu spät kommen. Der Grund: Die Verlage sind nicht verpflichtet, ihre E-Books an die Bücherhallen zu verkaufen - im Gegensatz zu den Büchern aus Papier. 

"Wir bekommen viele sehr stark nachgefragte Titel nur mit starker Verzögerung. Wir wissen auch nicht, wann sie uns zur Verfügung gestellt werden. Ein Titel wie Saša Stanišićs 'Herkunft' steht uns zum Beispiel noch nicht zur Verfügung", sagt Untiedt.

Bundesregierung will besseren Zugang zu E-Books ermöglichen

Das soll sich ändern. Die Bundesregierung hat sich schon im Koalitionsvertrag verpflichtet, den Nutzerinnen und Nutzern von Bibliotheken einen besseren Zugang zu E-Books zu ermöglichen. Verleger und Buchhändler befürchten allerdings, dass dadurch der reguläre E-Book-Markt schrumpft. Sie haben deshalb eine Studie über die Nutzer der E-Book-Ausleihe in Auftrag gegeben. Christian Sprang vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels fasst die Ergebnisse so zusammen: "Wir sehen, dass wir es bei den Nutzern dieser 'Onleihe'-Angebote mit einer gut situierten, gut gebildeten und an sich kaufkräftigen Schicht zu tun haben. Aber fast die Hälfte sagt, seit sie diese 'Onleihe'-Angebote nutzt, kaufe sie weniger Bücher als früher", erklärt Sprang.

Untiedt: "Passionierte Leser sind ungeduldig"

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Bei der Online-Ausleihe gilt dasselbe Prinzip wie bei gedruckten Büchern: Jedes Exemplar kann nur an jeweils einen Leser verliehen werden. Nach der Frist erlischt das Dokument auf dem E-Reader.

Frauke Untiedt traut dem Ergebnis dieser Umfrage nicht so recht. Sie widerspreche ihren eigenen Erfahrungen. Gerade passionierte Leser seien ungeduldig. "Die Studie sagt, dass sie weniger kaufen. Beziehungsweise, dass sie sagen, dass sie weniger kaufen." Die Realität in einer Bibliothek sähe aber nicht so aus, dass ein Stanišić tatsächlich auch von jedem sofort ausgeliehen werden könnte, selbst wenn die Bücherhalle ihn sofort kaufen könnte. Denn: "Unser Budget ist begrenzt - auch wenn wir hier in Hamburg ein großes Budget haben", so Untiedt. "Aber auch ich werde warten müssen, um 'Herkunft' von Stanišić als E-Book zu lesen."

Dass wegen der "Onleihe" weniger E-Books verkauft werden, diese Gefahr sieht Untiedt nicht. Und wenn Nutzer von Bibliotheken einen besseren Zugang zu elektronischen Büchern bekommen sollen, wie es im Koalitionsvertrag steht, dann müsse das auch für die Bestseller gelten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 12.12.2019 | 06:55 Uhr

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