Stand: 10.01.2018 11:00 Uhr

Falsche Ideale

Olga
von Bernhard Schlink
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Mehrere Romane von Bernhard Schlink sind verfilmt worden. Der bekannteste ist "Der Vorleser". Sein neues Werk: "Olga".

Bernhard Schlinks neuer Roman "Olga" ist kein Buch für Leser, die bereits nach 30 Seiten ihr Urteil fällen, denn die Überraschungen kommen auf den späteren Seiten. Es ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen einem jungen Mann und einer Frau, die seine Großmutter sein könnte.

Anfangs ist man verwundert über die recht beiläufige Art, mit der die Liebesgeschichte zwischen Olga, einer schlesischen Waise, und Herbert, Sohn eines pommerschen Gutsherrn, erzählt wird. Von Fotos ist die Rede, auf denen Herbert und seine Schwester Viktoria mit Olga zu sehen sind.

Eine ungewöhnliche Freundschaft

"Eine Fotografie zeigt die drei im Garten. Viktoria sitzt auf einer Schaukel, (...) hat einen Sonnenschirm aufgespannt, kreuzt die Füße und neigt den Kopf zur Seite. Zu ihrer Linken stützt sich in kurzen Hosen und weißem Hemd Herbert auf die Schaukel, zu ihrer Rechten in dunklem Kleid mit weißem Kragen Olga. Die beiden sehen einander an, als verabredeten sie, gleich gemeinsam die Schaukel anzustoßen. (...) Huldigen Herbert und Olga Viktoria? Weil sie die Jüngste ist? Weil sie den großen Bruder und die ältere Freundin zu dominieren versteht? Was immer sie wollen - sie wollen es mit ernstem Eifer." Leseprobe

Erst etwa auf der Mitte des Buches wird klar, dass all das die Worte einer Romanfigur sind, der die Ereignisse von Olgas Geburt bis zu ihrer Ankunft in Heidelberg, nach der Vertreibung aus dem Osten, viel später erst berichtet wurden. Der Ich-Erzähler ist ein Mann aus Bernhard Schlinks eigener Generation, der auch die Heimatstadt Heidelberg mit ihm teilt. Dieser Ferdinand begleitet Olga, die im Haus seiner Eltern als Näherin arbeitet, in ihren späten Jahren bis zu ihrem Tod.

"Olga" von Bernhard Schlink

Burghart Klaußner liest den Roman "Olga" von Bernhard Schlink. Zu hören sind die Lesungen vom 2. bis zum 19. Januar, jeweils von 8.30 Uhr bis 9 Uhr im Programm von NDR Kultur. Die Folgen stehen nach der Ausstrahlung für 24 Stunden - von 9 Uhr bis 9 Uhr des Folgetages - zum Nachhören bereit.

Zugang zu Bildung ist schwierig

Auch wenn die Freundschaft platonisch ist, erinnert sie doch an die intensive Beziehung des jungen Mannes in Bernhard Schlinks Jahrhundertroman "Der Vorleser" zu der älteren Frau, die wegen ihres Analphabetismus zur Nazi-Kollaborateurin geworden war. Allerdings ist Olga schon als junges Mädchen eine strebsame Schülerin.

"Weil die Großmutter, wie der Lehrer und der Pfarrer, höhere Bildung für Olga überflüssig fand und ihr, die sich auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten wollte, zu Hause keine Ruhe ließ, auch wenn sie ihre Hilfe nicht brauchte, flüchtete Olga im Sommer mit ihren Büchern an eine einsame Stelle am Waldrand." Leseprobe

Ferdinand, dem Olga ihre Lebensgeschichte anvertraut, ist ein empfindsamer junger Mann, der sich selbst als Student noch die Zeit nimmt, mit ihr - der seit dem Krieg Gehörlosen, die von den Lippen ablesen muss - lange Gespräche zu führen. Er bemerkt ihren maßlosen Ärger über die verblendeten Idealvorstellungen aus Bismarcks Zeiten, die Herbert zuerst in den Kampf gegen die Herero und dann ins ewige Eis geführt haben.

Verblendet vom Nationalsozialismus

Auch ihr Schützling Eik ist von diesen falschen Idealen angesteckt worden, die ihn in die Arme der Nationalsozialisten laufen lassen. Wie fatal das für Olga ist, versteht man erst ganz am Ende des Buches, wenn durch Ferdinands akribische Nachforschungen noch das letzte Geheimnis aufgedeckt worden ist.

Ferdinand ist auch als alter Mann noch empfindsam. Das unerwartete Angebot einer Liebesnacht lehnt er lieber ab, weil er Angst davor hat, dass die Frau nicht wiederkäme. Der Autor Bernhard Schlink macht sehr deutlich, dass es heute ein anderes Rollenverständnis gibt. Aber er würde sich nie dazu versteigen, von einer bereits erreichten Geschlechtergleichheit zu sprechen: "Also, wenn ich über Gerechtigkeit rede, fange ich mit der Gleichheit an, und damit, dass, wer Ungleichheit behauptet und wer ungleich behandeln will, dafür die Argumentationslast trägt, der nicht leicht zu genügen ist."

Hinter den Romanen des Juristen Bernhard Schlink steht immer ein sehr differenziertes philosophisches Gedankengebäude. Trotzdem erzählt er eine spannende, sehr lebensechte Geschichte, die mit äußerst überraschenden Wendungen aufwartet und nicht nur nachdenken, sondern auch mitfühlen lässt.

Olga

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes Verlag
Bestellnummer:
978-3-257-07015-6
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.01.2018 | 12:40 Uhr

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