Alem Grabovac: "Das achte Kind" © Hanser Verlag

Bemerkenswerter Roman von Alem Grabovac: "Das achte Kind"

Stand: 21.01.2021 17:31 Uhr

Autor Alem Grabovac ist 1974 in Würzburg zur Welt gekommen, als Sohn einer Kroatin und eines Bosniers. Er war also, wie man damals sagte, ein Gastarbeiterkind. Später hat er Soziologie studiert und lebt heute mit seiner Familie in Berlin. Grabovac schreibt als freier Autor für Medien wie "Die Zeit" und "Welt". In diesen Tagen erscheint nun sein erster Roman: Er heißt "Das achte Kind".

von Ulrich Kühn

Was, wenn einer drei Väter hat? Wenn der leibliche Vater ein charmanter Dieb ist, der sich davonstiehlt von Frau und Kind? Wenn der Pflegevater für einen sorgt, aber den Holocaust leugnet? Und wenn der neue Partner der Mutter nicht nur die Mama schlägt, sondern auch den Jungen, dem er ein Papa sein könnte?

Eine autobiografische Geschichte

Alem schleppt ein Päckchen durchs Leben. Zwischen fränkischer und südwestdeutscher Provinz, Frankfurt und einem Bergdorf im kroatischen Hinterland wirft es ihn her und hin. Er lernt Kummer kennen, körperliche Gewalt - und Liebe und Glücksmomente. Er, der sich fragen muss, wohin er gehören darf, heißt kaum zufällig wie sein Autor: Dieser Roman schmiegt sich vermutlich ganz nah an eine Wirklichkeit, die sein Erfinder selbst erlebt hat. 

Ich kam am 2. Januar 1974 um 17.13 Uhr im Würzburger Universitätsklinikum zur Welt. Mein Vater hatte stundenlang im Flur gewartet und bereits Unmengen säuerlichen Krankenhauskaffees aus dem Automaten getrunken. Er war genervt, viel lieber hätte er einen Schnaps gestürzt. Leseprobe

An diesen Emir hat sich Alems Mutter Smilja gekettet. Das Buch setzt mit der Mitteilung ein, dass es Emir nicht mehr gibt: "Mein Vater war tot." Als Smilja das erfährt, will sie sich gerade von ihm scheiden lassen; vor Jahrzehnten hat sie ihn zuletzt gesehen, als er auf der jugoslawischen Gefängnisinsel Goli Otok in Haft gekommen war. Die Nachricht von Emirs Tod macht sie traurig. Alem wird nun von ihr erfahren, dass sie ihn konsequent belog, als sie ihm erzählte, Emir sei umgekommen, als Alem noch klein war. Ein Leben, gegründet auf Lügen, die notwendig schienen - wie der peinigende Entschluss, zu dem sie von ihrer Kollegin Aişe in der Schokoladenfabrik ermuntert wurde.

"Verstehst du, du gibst dein Kind nicht weg, es bleibt immer noch deins. Aber unter der Woche kannst du arbeiten. Bei solchen Männern müssen wir sehen, wie wir uns helfen, verstehst du, Smilja?" Leseprobe

Alem kommt in eine Pflegefamilie

Emir säuft und häuft Frauengeschichten, Smilja verdient das Geld und gibt Alem in die Pflegefamilie. Die siebenfachen Eltern Marianne und Robert sorgen für Gastarbeiterkinder; und Alem wird dauerhaft bei ihnen bleiben: Er wird das achte Kind. In diesem Haushalt fühlt er sich wohl - mit Rinderbraten und neuem Vater:

Robert hatte einen großen, runden Bauch und ein riesiges Loch in der Schulter. Wenn er morgens mein Zimmer verließ, blickte ich oft wie gebannt auf das Loch. Die Kriegsverletzung eines Helden, eines tapferen Soldaten, meines Vaters. Leseprobe

Ein Vater, der seine Disziplin in den Dienst einer Motorradzeitschrift stellt, ehe er Jahre später aus Altersgründen aussortiert wird. Als Alem begreift, dass Robert sich nie vom Nationalsozialismus gelöst hat, wird es zu schweren Konflikten kommen. Aber nicht zum Bruch mit der Familie, mit der er mehrmals umziehen muss. Dafür sorgt Marianne. Und auch Roberts Liebe zu ihm bleibt bestehen.

Traurig ist das Verhältnis zu jenem Mann, der für Alem zum dritten Vater wird: Dušan ist Smiljas neuer Lebensgefährte. Alems Besuche bei den beiden in Frankfurt sorgen für Haltlosigkeit und Verdruss. Und als Alem beim "Mensch ärgere dich nicht" einmal eine Glückssträhne hat und Dušan wiederholt schlägt, schlägt Dušan zur Strafe ihn - ins Gesicht.

Ohne Pathos erzählt der Autor von seiner schwierigen Kindheit

Welch ein deutsches Kinderleben: Denn da sind ja noch, zum Überfluss, im fernen kroatischen Bergdorf die Großeltern, die man im Sommer besucht. Anfang der 1990er-Jahre bricht hier der Nationalismus los, weckt hässlichste Emotionen und provoziert den Bürgerkrieg. Alem bleibt innerlich auf Distanz, er empfindet: Sein Krieg ist das nicht.

Ohne Klage, mit zartem Gespür und Gefühl wird dies Geflecht vor uns ausgebreitet. Die Mutter schwach, bemitleidenswert, die Väter allesamt hoch befremdlich und doch nicht durchgängig hassenswürdig. Vieles wird klar, nichts wird Karikatur. Das in deutscher Provinz einst verhöhnte Gastarbeiterkind, das so fantastisch Fußball spielte, erzählt - zwischendurch manchmal fast zu lakonisch - vom belasteten eigenen Wachsen; vom schwierigen inneren Weg ins Freie, zur Möglichkeit kritischen Denkens, zu Bildung, Studium, Vaterwerden und zuguterletzt zum Besuch am Grab des eigenen Vaters.

Diese Geschichte handelt davon, wie innig die Suche nach Identität, der Wunsch, frei und geborgen zu sein und mitgeschleppte Mentalitäten ineinander verflochten sind. Ein bemerkenswertes Buch.

Das achte Kind

von Alem Grabovac
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
hanserblau bei Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26796-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.01.2021 | 12:40 Uhr

Alem Grabovac: "Das achte Kind" © Hanser Verlag
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Alem Grabovac: "Das achte Kind"

Alem Grabovac' Geschichte handelt davon, wie die Suche nach Identität und die Mentalitäten ineinander verflochten sind. 5 Min

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