Alina Bronsky: "Barbara stirbt nicht" © Kipenheuer & Witsch

"Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

Stand: 15.09.2021 08:59 Uhr

Alina Bronskys erstes Buch "Scherbenpark" wurde zum Bestseller und verfilmt, ein weiterer Roman 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Jetzt ist "Barbara stirbt nicht" erschienen.

Alina Bronsky: "Barbara stirbt nicht" © Kipenheuer & Witsch
Beitrag anhören 5 Min

von Katja Essbach

Alina Bronsky ist eigentlich die Königin der ein wenig skurrilen und sehr bestimmt auftretenden älteren Damen. In vielen ihrer Vorgängerromane spielten die eine Hauptrolle. Ganz anders in ihrem neuen Buch. Im Mittelpunkt hier: Walter Schmidt, von der Autorin ausnahmslos Herr Schmidt genannt.

Tatsächlich, sagt Alina Bronsky, sei es ganz anders, über einen Mann zu schreiben: "Auf eine Art wahrscheinlich auch schwerer, weil mir klar war, als Frau kann ich bestimmte Dinge aus weiblichem Erleben besser nachempfinden als aus einem männlichen. Da hatte ich das Gefühl, das muss ich mit größerer Distanz und größerer Vorsicht und ganz anderem Respekt beschreiben."

Eine Krankheit verändert das Leben des Paares

Herr Schmidt ist Rentner und seit zweiundfünfzig Jahren mit Barbara verheiratet. Sein Tag beginnt immer gleich. Barbara erwartet ihn mit dem perfekten Frühstück in der Küche. Aber dann passiert das:

Als Herr Schmidt Freitagfrüh aufwachte und den Kaffeeduft vermisste, dachte er zuerst, dass Barbara im Schlaf gestorben sein könnte. Das war zwar eine absurde Vorstellung - Barbara war gesund wie ein Pferd - noch abwegiger schien allerdings die Möglichkeit, dass sie verschlafen haben könnte. Doch als er sich im Bett umdrehte und sah, dass die Betthälfte neben ihm leer war, schien ihm plötzlich am wahrscheinlichsten, dass Barbara auf dem Weg in die Küche tot umgefallen war. Leseprobe

Herr Schmidt muss selbständig werden

Herr Schmidt findet Barbara schließlich auf dem Fußboden des Badezimmers. Sie lebt zwar, aber es geht ihr sehr schlecht und sie wird bettlägerig. Von diesem Moment an ist nichts mehr, wie es war. Herr Schmidt, der nicht den Hauch einer Ahnung von Küche, Hausarbeit oder sozialer Interaktion hat, muss übernehmen - und scheitert schon daran, wie man eine Kartoffel kocht:

"Ach, Walter. In Wasser, im Topf." Er mochte es nicht, wie sie ihm Sachen erklärte. "Wo sind die Kartoffeln denn?" "In der Speisekammer. Im Korb. Schälen brauchst du nicht." "Wie heiß soll das Wasser sein? Wie viel Grad?" "Ach, Walter." "Wie lange drin lassen?" "Bis es fertig ist." Er begann selbst innerlich zu kochen. "Wann weiß ich, dass sie fertig ist?" "Piks sie mit der Gabel an."

Eine ungewohnte Rolle für den Mann

Perfekt beschreibt Alina Bronsky diesen herrischen, mürrischen, völlig unbegründet immer von sich selbst überzeugten Typ Mann, den es in dieser Generation standardmäßig noch immer gibt. Jeder und jede von uns kennt so einen. Umso interessanter ist es natürlich, Herrn Schmidt bei seiner Transformation zu beobachten. Wie er Schritt für Schritt die Küche erobert, sich mit Hilfe eines Fernsehkochs an mehr als an das Zubereiten von Kartoffeln wagt und - immer wieder scheitert:

Herr Schmidt überlegte. Was hatte er eigentlich mit der Wäsche gemacht, die er damals in die Maschine gestopft hatte? Hatte er sie in der Trommel vergessen oder tatsächlich aufgehängt? Und wenn ja, wo? Hing sie immer noch da? Wie konnte man sich gleichzeitig um Garten und Haushalt kümmern?

Der Roman ist böse und lustig zugleich

Alina Bronsky kann etwas, was in der deutschen Literatur keine Selbstverständlichkeit ist: Leicht erzählen, ohne belanglos zu sein. Ihr Ton ist dabei einfach unverwechselbar, sehr direkt, mitunter politisch nicht korrekt, dennoch - oder gerade deswegen - lustig. Und auch ganz schön böse.

Das sei eigentlich aber gar nicht ihre Absicht, sagt sie: "Ich glaube, dass wenn man über das Leben schreibt, eine gewisse Boshaftigkeit unvermeidbar ist. Ich hatte auch schon Stimmen gehört, die eher der Meinung waren, ausgerechnet jemand wie Herr Schmidt, macht ein Buch erst recht boshaft. Ich weiß es nicht. Ich weiß es überhaupt nicht."

"Barbara stirbt nicht" ist ein Entwicklungsroman und einer über gestörte Familienkommunikation und über große Familiengeheimnisse. Herr Schmidt erkennt am Ende, dass er auch ein ganz anderer sein könnte - und er fängt endlich damit an.

Barbara stirbt nicht

von Alina Bronsky
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00072-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.09.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Tom Sachs in der Ausstellung SPACE PROGRAM: RARE EARTHS in den Deichtorhallen Hamburg. © Julia Steinigeweg Foto: Julia Steinigeweg

Tom Sachs startet sein "Space Program" in den Deichtorhallen

Der US-amerikanische Künstler simuliert in seiner Ausstellung in Hamburg eine Mission zum Asteroiden Vesta. mehr