Stand: 26.03.2019 10:00 Uhr

Mordgedanken in der Provinz

Stirb doch, Liebling
von Ariana Harwicz, aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
Vorgestellt von Tobias Wenzel

Manchmal haben Bücher zwei Leben. Schon 2012 erschien im spanischen Original der Debütroman der Argentinierin Ariana Harwicz, wurde aber international kaum wahrgenommen. Im letzten Jahr dann wurde die englische Übersetzung des Buchs für den Man Booker International Prize nominiert und zum großen Ereignis. Mittlerweile gibt es mehrere Theaterfassungen des Romans und etliche Übersetzungen. Jetzt auch eine deutsche: "Stirb doch, Liebling".

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Harwicz' Debütroman "Stirb doch, Liebling" ist der Auftakt zu einer Art Dorftrilogie.

Ein winziges Dorf irgendwo in der Provinz, vielleicht in der französischen. Hier fühlt sich eine junge Frau aus einem anderen Land fehl am Platz und scheint kurz davor zu sein durchzudrehen. So lässt Ariana Harwicz, eine argentinische Autorin, die seit vielen Jahren auf dem Land in der Nähe der Loire lebt, ihren Debütroman "Stirb doch, Liebling" beginnen:

Ich legte mich auf das Gras zwischen umgestürzten Bäumen, und die Sonne, die auf meiner Handfläche brannte, gab mir das Gefühl, ein Messer zu halten - ein flinker Schnitt in die Halsschlagader, und ich werde verbluten. Hinter mir, vor der Kulisse eines leicht heruntergekommenen Hauses, hörte ich die Stimmen von meinem Sohn und meinem Mann. Leseprobe

Brave Ehefrau mit Zerstörungsfantasien

Wird sie vielleicht sogar ihrer Familie etwas antun? Die Ich-Erzählerin versucht sich in der Rolle der braven Ehefrau und liebevollen Mutter, aber in ihrem Kopf wüten die Zerstörungsfantasien. Weil sie psychisch krank ist? Oder vielmehr, weil das Dorf sie mit seinen spießigen Auswüchsen krank macht? Der Schwiegervater überprüft die Stimmigkeit der Kassenbons mit dem Taschenrechner. Die junge Frau und zweifache Mutter und ihr Mann schlafen getrennt, Affären und Eifersucht machen alles nur noch schlimmer.

Romane zu schreiben kann zur Scheidung führen

"Stirb doch, Liebling" ist eine sprachlich fulminante Tragikomödie und eine bitterböse Abrechnung mit einer gescheiterten Ehe in der Provinz. "Ich habe immer gesagt: An dem Tag, an dem sie, mein Mann und meine Schwiegereltern, den Roman lesen, reiche ich die Scheidung ein. Sie haben ihn bisher nicht lesen können, weil er noch nicht auf Französisch erschienen ist. Und ich bin jetzt schon geschieden. Romane zu schreiben kann zur Scheidung führen. Das sollten sich die jungen Schriftsteller hinter die Ohren schreiben", rät die Autorin.

Der deutschen Übersetzung fehlt der rotzige Ton des Originals

Dagmar Ploetz, die herausragende Übersetzerin der Werke von Gabriel García Márquez, hat "Stirb doch, Liebling" zwar insgesamt gut ins Deutsche übertragen, allerdings vermisst man hier und da etwas den rotzigen Ton des spanischsprachigen Originals, was auch daran liegen könnte, das Harwicz mehr als 30 Jahre jünger ist als ihre Übersetzerin.

Die Komik in Harwicz' Debütroman, dem Auftakt zu einer Art Dorftrilogie, entsteht meist dadurch, dass die Hauptfigur den schönen Schein zu wahren versucht, aber in Gedanken ihren Mann und die Dorfbewohner verachtet. Manchmal werden ihre Fantasien allerdings Wirklichkeit.

Ein Gefühl der Fremdheit

An den Tagen, an denen mein Mann auf Reisen ist, setze ich, bei sommerlicher Hitze, ein Plastikbaby auf den Rücksitz. Ich habe meinen Spaß daran, zu beobachten, wie viele Nachbarn oder Staatsbedienstete in Aufregung geraten. Leseprobe

Zugleich transportiert "Stirb doch, Liebling" die Beklemmung einer Frau, die sich nicht nur als Ausländerin auf unerträgliche Weise fremd fühlt, sondern auch als Bewohnerin eines Dorfes, in dem jeder jeden kennt und beobachtet.

Ariana Harwicz ist ein bewundernswertes, erfrischend radikales Debüt gelungen, das seine Kraft aus der Verachtung zieht, die die Autorin für ihre Umgebung empfunden hat. Sie sagt: "Ich fühle mich der Literatur des Hasses und ihren Autoren zugehörig. Der Hass ist beim Schreiben viel produktiver als die Liebe."

Stirb doch, Liebling

von
Seitenzahl:
126 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-73445-8
Preis:
18,95 €

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