Stand: 22.05.2020 13:17 Uhr

Flucht aus der traditionellen Ehe in Indien

von Jan Ehlert

Der britische MAN Booker Prize hat schon viele englischsprachige Autorinnen und Autoren aus der ganzen Welt in den Fokus der literarischen Öffentlichkeit gerückt. Besonders aus Indien: Salman Rushdie, Aravind Adiga und Arundhati Roy wurden durch die Auszeichnung einem größeren Publikum bekannt.

Auch Anuradha Roy, aufgewachsen in Hyderabad, war für ihren Roman "Sleeping on Jupiter" vor einigen Jahren für den Booker Prize nominiert, in dem sie sich mit Gewalt gegen Frauen in ihrer indischen Heimat beschäftigte. Nun ist ihr neuer Roman erschienen, "Der Garten meiner Mutter", und auch darin geht es um ein indisches Frauenschicksal - aber auch um einen deutschen Maler.

Ein deutscher Maler entdeckt Bali und die Gamelanmusik

Anuradha Roy: "Der Garten meiner Mutter" (Cover) © Luchterhand
Eine junge Frau träumt von einem anderen Leben und verlässt ihre Familie.

Im Jahr 1923 - lange bevor der Massentourismus die indonesische Insel für sich entdeckte - kam der deutsche Maler Walter Spies nach Bali. Er wollte die balinesische Kultur kennenlernen - und verliebte sich in sie, ganz besonders in die Gamelanmusik.

"Sie ist grandios! Das königliche Gamelan habe ich zum ersten Mal, als ich nach Java kam, in Yogyakarta gehört. Erst spielten sie leise, wie in Tropfen, dann kamen die tiefen, alles erschütternden Schläge des Gongs, so tief, dass sie einem fast Angst machen konnten. Und das wilde Trommeln dazwischen. Manchmal versiegte die Musik einfach und kam dann zurück, Tropfen für Tropfen, von irgendwo. Mit wilder, leidenschaftlicher Freude hat sie mich erfüllt! Ich wollte nichts anderes mehr, als ihr zuzuhören und alles über sie zu lernen." Leseprobe

Walter Spies blieb bis zu seinem frühen Tod 1942 auf Bali, sein Haus wurde ein kulturelles Zentrum, das Künstlerinnen und Intellektuelle aus der ganzen Welt anzog: Charlie Chaplin, Margaret Mead, Rabindranath Tagore. Auch Anuradha Roy hat es besucht und dort, so schreibt sie im Nachwort, wurde ihr klar, dass sie diesen Roman schreiben würde.

Der Maler Walter Spies wird zur Inspiration für eine Romanfigur

Spies wollte Sanskrit lernen und nach Indien kommen, um indische Tanzformen zu studieren, ertrank aber im Alter von siebenundvierzig, als das Schiff, mit dem er als Kriegsgefangener nach Indien gebracht werden sollte, bombardiert und zerstört wurde. Teilweise versucht sich dieses Buch vorzustellen, was hätte geschehen können, hätte er seine Reise nach Indien tatsächlich unternommen. Leseprobe

"Historical Fiction" heißt dieses Prinzip: Die historische Figur des Malers wird zum Charakter einer erfundenen Geschichte. Deren Protagonistin ist Gayatri, eine junge indische Mutter, die als Mädchen von einem Leben als Künstlerin träumte, an der strengen patriarchalen Gesellschaft Indiens aber zu zerbrechen droht.

Sie mit dem Freigeist Walter Spies zu konfrontieren, der sich um keine Konventionen schert, ist eine reizvolle Idee. Durch Spies findet Gayatri den Mut, ihre Familie zu verlassen. Eine Entwicklung, die Roy sensibel nacherzählt. Doch der Roman beschränkt sich nicht auf die Geschichte einer künstlerischen Selbstfindung.

Die junge Mutter Gayatri verlässt ihre Familie

Roy analysiert stattdessen die Konsequenzen, die Gayatris Schritt für die Zurückgeblieben hat. Ganz besonders für Myshkin, ihren Sohn. Benannt nach Fürst Myshkin aus Dostojewskis Roman "Der Idiot", blickt auch er naiv, aber menschenfreundlich auf die schwelenden Konflikte in seiner Familie. Nach dem Verschwinden seiner Mutter zieht er sich, wie der Fürst, in die geistige Isolation zurück. Aus dieser Einsamkeit beschreibt er - als Ich-Erzähler - rückblickend, wie er seine Mutter in Erinnerung hat.

"Manchmal versteckte ich mich, um völlig ungestört zu sein, in der alten Kutsche, und ehe ich mich versah, fuhr ich wieder mit meiner Mutter Rad, saß auf meinem Sitz, und meine Beine schwangen über der Erde. Auf einem Schiff ließ ich Indien hinter mir und fuhr zu ihr nach Bali. Einen gefühlten ganzen Tag saß ich da und träumte, bis ich einschlief. Hungrig und verwirrt erwachte ich." Leseprobe

Freiheit hat ihren Preis, und Glück kann auch sie nicht garantieren. Unterschwellig behandelt Roy diesen Konflikt auch auf der politischen Ebene, mit Blick auf den indischen Kampf um Unabhängigkeit. Die Beschreibungen der indischen Kultur und der indischen Sehnsucht nach Eigenständigkeit zählen zu den stärksten Passagen des Buches.

Der Traum von einem anderen Leben

Im Zentrum aber bleibt Myshkin: Für ihn hat sich keiner seiner Träume erfüllt, nicht einmal der Ratschlag Voltaires, man müsse seinen Garten bestellen, kann ihn glücklich machen. Der Garten seiner Mutter, der dem Buch seinen Titel gibt, erst recht nicht: Er kommt in dem Roman überhaupt nicht vor und lenkt die Leserinnen und Leser damit auf die falsche Fährte.

Treffender ist da der englische Titel, "All the lives we never lived", "All die Leben, die wir nie gelebt haben" - denn Roy erzählt vielschichtig und einfühlsam von den Träumen und Sehnsüchten nach einem anderen, möglichen Leben, die sich - im Roman und in der Wirklichkeit - aber nur selten erfüllen.

Der Garten meiner Mutter

von Anuradha Roy, aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87632-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.05.2020 | 12:40 Uhr

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