Stand: 25.02.2019 11:00 Uhr

Eine norwegische Familiensaga

Die Liebhaber
von Anne B. Ragde, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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"Die Liebhaber" kann auch genießen, wer die vorangegangenen Romane nicht kennt.

Schon mehrfach hat die in Norwegen hochbeliebte Schriftstellerin Anne B. Ragde angedroht, ihre Familiensaga würde nun endgültig nicht mehr fortgesetzt. Aber dem Druck ihrer Leserschaft hat sie dann doch nachgegeben. So folgten in der "Lügenhaus"-Serie noch "Sonntags in Trondheim" und nun "Die Liebhaber".

Streitigkeiten und ein großes Familiengeheimnis

Eine Familie auf einem Bauernhof an einem norwegischen Fjord, idyllisch und schön gelegen, aber mit Familienstreitigkeiten, die denen in finsteren Hinterhöfen von Großstädten in nichts nachstehen: Stress unter Leuten, die sich lieben. Es gab ein großes Geheimnis in dieser Familie, das mit der Homosexualität des Großvaters zusammenhing und Folgen für alle hatte. Inzwischen befinden wir uns erzählerisch in der Jetztzeit.

Wenn man nun mit diesem neuen Roman von Anne B. Ragde anfangen möchte, kann man das, ohne die vorherigen Folgen zu kennen? Die Übersetzerin Gabriele Haefs sagt: "Ich glaube, man kann wunderbar einsteigen, weil es immer kleine Verweise darauf gibt, wie die Leute zusammenhängen und was passiert ist. Ich hatte den Eindruck, wenn man sie vorher gelesen hat, dann frischt das auf: die Erinnerung an die früheren Bände. Dann kriegt man Lust, die früheren Bände noch mal zu lesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwie Probleme macht mit diesem Roman einzusteigen. Man wird auch die früheren unbedingt lesen wollen, das ist klar."

Bestattungsrituale - sprachliche Herausforderung für Übersetzerin

Für die Übersetzerin gab es in der neuen Folge eine besondere Schwierigkeit. Jedes Fachgebiet, ob es sich um Bienen, Äpfel oder das Bestattungswesen handelt, hat ja seine eigene Fachsprache, die man als Laie auch in der eigenen Muttersprache nicht unbedingt beherrscht. In "Die Liebhaber" steigt die Hauptfigur, die 40-jährige Torunn in das Geschäft ihres Onkels ein, der ein Bestattungsunternehmen betreibt, und man erfährt als Leser Erstaunliches und Wissenswertes über diesen anspruchsvollen Beruf.

Gabriele Haefs hat sich kundig machen müssen: "Das war in diesem Fall relativ einfach, weil ich aus Studienzeiten mit Professor Norbert Fischer von der Uni Hamburg befreundet bin. Er hat seine Examensarbeit über Feuerbestattung geschrieben. Ich glaube, es gibt niemanden in Deutschland, der so viel über die Arten von Bestattungen weiß wie er. Er konnte mir auch einige Sachen erklären, die es in Deutschland nicht gibt, die im deutschen Bestattungswesen unüblich sind und für die es keinen richtigen Fachbegriff gibt. Da musste man sich was einfallen lassen. Fischer war dabei eine sehr große Hilfe."

Neuanfang nach Trennung

Zum Beispiel ist es in Norwegen üblich, dass die Familie am offenen Sarg steht. Dafür gibt es im Norwegischen ein Wort, das im Deutschen nicht existiert. Norbert Fischer empfahl hier die Formulierung "Abschied am offenen Sarg". Ebenso alles, was dazu gehört, etwa das "Gesichtstuch" für Tote, bei denen die Familie das möglicherweise durch eine Gewalttat oder einen Unfall entstellte Gesicht nicht sehen sollte, musste mit Taktgefühl übersetzt werden. Auch die Hauptfigur im Roman - Torunn - nimmt ihre neuen Aufgaben sehr ernst und kümmert sich nicht nur aufopferungsvoll um den alten, inzwischen in einem Pflegeheim lebenden Großvater, sondern auch um ihre neue Position im Unternehmen des Onkels:

"Sie hat gesehen, dass ihr Vater mit dem Hof fast bankrottgegangen ist, weil man einen kleinen Hof heutzutage nur mit sehr großen Schwierigkeiten am Leben erhalten kann. Das wollte sie wohl nicht", erklärt Haefs. "Der Onkel hat dieses Bestattungsunternehmen und sie mag ihren Onkel sehr. Er ist eine der sympathischsten Figuren in dieser ganzen Reihe, der überlegt, wer seinen Laden mal übernehmen kann. Torunn ihrerseits möchte einen neuen Anfang machen. Sie hat auch eine Trennung hinter sich, und dann passt es ganz gut, mit einem neuen Beruf anzufangen."

Eine turbulente Geschichte

Es geht wieder turbulent zu bei Anne B. Ragde, in dieser Familie, in der die heute Lebenden alles richtig machen möchten, natürlich besser, liebevoller als ihre Vorfahren und dabei einfach andere Fehler machen. 

"Es gibt erstaunliche Überraschungen in der Entwicklung", sagt die Übersetzerin. "Man ist beim Lesen überrascht und fällt aus allen Wolken, wie es weiter geht. Aber mehr verrate ich nicht."

Dicht am Leben, liebenswert, zupackend ist dieser Roman. Pralles Lesevergnügen mit hohem Wiedererkennungswert.

Die Liebhaber

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-75786-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.02.2019 | 12:40 Uhr

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