Stand: 24.06.2020 10:35 Uhr  - NDR Info

Anfeindungen gegen den Ankerherz Verlag

von Susanne Birkner

Der kleine, niedersächsische Ankerherz Verlag setzt sich seit Jahren gegen Pegida und für Flüchtlinge und Seenotrettung ein. Dafür erhielt der Verleger Stefan Kruecken eine Zeit lang fast jede Woche eine Morddrohung. Nach einem positiven Facebook-Post über die deutsche Polizei-Arbeit bekommt der ehemalige Polizeireporter Kruecken jetzt Gegenwind aus einer ganz anderen Richtung: Er wird von der Antifa bedroht.

Stefan Kruecken © Ankerherz Verlag GmbH
Den Gründer und Verleger des Ankerherz Verlages, Stefan Kruecken, überrascht der Hass, der ihm entgegenschlägt.

Stefan Kruecken ist ein ruhiger, kantiger Typ. Doch Hunderte Hassmails und Drohungen - das hinterlässt Spuren: "Ja, natürlich, wenn Sie den ganzen Tag hundertfach lesen, was Sie für ein Arschloch sind, das macht irgendwas mit einem. Dieser Hass, der einem da entgegenschlägt, und diese ganze geballte negative Energie. Ich will das auch nicht an mich rankommen lassen, aber es macht müde. Man wacht morgens auf und fühlt sich verkatert, das fühlt sich komisch an", erzählt der Verleger.

Der Auslöser: ein mittlerweile gelöschter Facebook-Post, in dem Kruecken schreibt:

Die Polizei bei uns ist sensibel, was das Thema angeht. Da gibt es sicherlich Fälle von Rassismus, und die müssen auch jeder einzelne verfolgt werden und das ist auch ein Problem. Aber ich hab das Gefühl, das ist erkannt und da wird was getan. Das ist nicht so, dass das stillschweigend akzeptiert wird. Im Gegenteil. Und unsere Polizisten machen gegenwärtig einen guten Job. Die haben keine leichte Aufgabe in Corona-Zeiten, die Regeln einzuhalten. Und sie machen das besonnen und professionell. Zitat Facebook-Post

Als ehemaliger Polizeireporter in Köln und Chicago hat der Verleger einen guten Einblick in die Strukturen bekommen. Der Hass, der ihm auf diese differenzierte Aussage entgegenschlägt, überrascht ihn. Antifa-Seiten teilten ihn, daraufhin wurde er als Rassist beschimpft, als "Mitte-Extremist", der rechtsradikale Positionen verteidige und sich im Keller aufhängen solle. Es sei befremdlich, dass alles, was er die Jahre davor getan habe, überhaupt keine Rolle spielen würde, findet Kruecken.

Extreme Meinungen sind oft lauter

Es ist auf jeden Fall nicht unwahrscheinlich, dass so was vorkommen kann, sagt Julia Metag, Professorin für politische Kommunikation an der Uni Münster über diesen Beschuss von zwei Seiten: "Antifa oder AfD - das sind Gruppen, die sehr konträre, aber relativ stark ausgeprägte, extreme Meinungen haben. Personen, die diesen Gruppen angehören, die interpretieren Aussagen anderer, gerade wenn es Aussagen der Mitte sind, so, dass sie ins eigene Weltbild passen." In sozialen Medien seien extreme Meinungen oft lauter als gemäßigte, so Metag. Man wisse auch aus der Forschung, dass Personen mit gemäßigten Meinungen in sozialen Medien seltener kommentieren, Kommentare veröffentlichen oder sich selbst äußern würden.

Verleger zwischen den Fronten

Vertreter der AfD haben sich bereits hämisch bei Kruecken gemeldet. "Die freuen sich. Das Gift, das ich angeblich gesät habe, kommt jetzt zurück. Der Begriff der Zecke wird da ja sehr gerne verwendet. Die Zecken wenden sich jetzt gegen den Wirt. Die freuen sich. Das ärgert mich auch, aber was soll man machen", sagt Kruecken.

Ein Verleger zwischen den extremen Fronten, der sich seiner eigenen Position aber sehr sicher ist: Schaue man sich die absoluten Zahlen und Ereignisse der letzten Monate an, dann gehe die größere Gefahr in Deutschland vom Rechtsextremismus aus. "Ganz klar. Man sollte das eigentlich nicht auf eine Stufe stellen. Es ist trotzdem befremdlich, dass sich jetzt auch am linken Spektrum so was tut."

Auch positive Rückmeldungen

Was Kruecken freut: das viele positive Feedback von Polizisten und von Politikern aller Parteien. Ein hochrangiger Politiker der Linken im Bundestag schrieb ihm, dass er gerne für eine öffentliche Diskussion zur Verfügung stehe. Es mache ihm Mut, dass er nicht alleine sei. "Ich denke, das ist trotz allem immer noch eine Minderheit. Eine laute Minderheit, eine aggressive Minderheit." Von der er sich nicht zum Schweigen bringen lassen will. "Da setzt bei mir auch eine Art Trotz ein. Dann hätte die Gegenseite ja gewonnen. Das haben damals AfD und Pegida versucht, das versuchen die jetzt, aber das wird nichts werden."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 24.06.2020 | 09:16 Uhr

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