Daniel Schreiber: "Allein"  (Cover) © Hanser Berlin

"Allein": Daniel Schreibers Streitschrift über Einsamkeit

Stand: 01.11.2021 13:03 Uhr

Autor Daniel Schreiber fragt sich in seinem Essay "Allein", warum in unserer Gesellschaft das Alleinleben von Menschen als schambehaftetes Scheitern wahrgenommen wird und macht uns nachdenklich.

Daniel Schreiber: "Allein"  (Cover) © Hanser Berlin
Beitrag anhören 5 Min

von Lenore Lötsch

"Ich habe nie die bewusste Entscheidung getroffen, allein zu leben. Im Gegenteil, ich bin die längste Zeit davon ausgegangen, dass ich mit jemandem mein Leben teilen und zusammen alt werden würde", sagt Daniel Schreiber, ein 44-jähriger, schwuler Mann, ein Intellektueller, einer mit einem großen Freundeskreis, lebt allein. So wie 17,5 Millionen in der Bundesrepublik.

Die Zeiten, in denen die, die Küchentisch und Couch mit jemandem teilen, von ihrer "besseren Hälfte" sprachen, sind lange vorbei. Die Etiketten hingegen, die wir den Alleinlebenden aufpappen, haben eine erstaunliche Klebekraft und sehen das Defizit im Individuum. Daniel Schreiber sagt: "Man sieht es ja schon an den ganzen Begriffen: Alleinstehend, geschieden, Single, das sind alles Begriffe, die als Folie, als Normalität, die vorausgesetzte Paarstruktur implizieren."

Unsere Sprache hat viele negativ besetzte Worte für das Alleinsein

In seinem Essay "Allein" erzählt Schreiber davon, wie er und viele Alleinlebende das Fehlen einer Beziehung als persönliches Scheitern wahrnehmen. Man sei eben nicht attraktiv, nicht wirtschaftlich erfolgreich, nicht fit, erzählen die Blicke der Paare.

Wer nun einen Ratgeber erwartet, kann das Buch nach einer der ersten Seite weglegen. Wer eine Kontroverse sucht, die dem großen Versprechen, man könne im Leben einfach alles erreichen, die zarte Frage entgegensetzt: Ja, aber was, wenn nicht? Der sollte die folgenden 139 Seiten aufmerksam lesen. Besonders eindringlich ist das Buch immer dann, wenn der Autor von sich erzählt. Von Scham, von Verletzungen, von Zweifeln.

Meine dunkle, regelmäßig zum Jahresende wiederkehrende Stimmung beruht zu einem großen Teil darauf, dass mein innerer Optimismus in sich zusammenfällt, während wir uns als Gesellschaft einer rauschhaften Feier des guten Lebens hingeben. Ich habe das Gefühl, gescheitert zu sein: Überall werde ich darauf gestoßen, dass ich weitgehend ohne die beiden grundsätzlichen Komponenten der Fantasie vom guten Leben auskommen muss: ohne Wohlstand und Liebesglück. Zitat aus "Allein"

"Allein" von Daniel Schreiber: Kein Ratgeber, sondern Denkanregung

Während nach den rauschhaften Jahresendfeiern sonst die Normalität wieder in Büros und Wohnungen Einzug hält, ist im Jahr 2020 alles anders. Die Pandemie macht für die Paare und Familien die Welt kleiner, für die aber, die allein sind, verschwindet jede Nähe. Die Zeit wird zusammengefaltet, seine vielen Freunde sind unerreichbar, die Tage werden egal, aus Alleinsein wird Einsamkeit, die sich nach Ewigkeit anfühlt. "Ich war so sensibel und fragil geworden, dass alles an mir rühren, mich alles erschüttern konnte", erinnert sich der Autor.

TV-Serien gaukeln falsches Bild vor

Daniel Schreiber beginnt zu wandern, denn die größten Depressiven der Literaturgeschichte waren schließlich auch die begeistertsten Wanderer: Thoreau, Stevenson, Goethe. Er strickt, macht Yoga, er gewöhnt sich das Rauchen ab, und er schaut Fernsehserien, in denen es um Freundschaft geht: "Friends", "Sex and the City", "The Big Bang Theory".

Doch diese popkulturellen Feiern der Freundschaft, die, als er sie das erste Mal sah, einen Lebensinhalt, eine Stabilität versprachen, enden immer mit einer Hochzeit. Sind trotz aller Treueschwüre nur der Flur, auf dem man nicht ewig rumstehen kann.

"Ist das Modell eines Lebens in Freundschaft nur auf eine Lebensphase beschränkt? Auf die Phase der Jugend und des jungen Erwachsenseins. War ich zu alt geworden, um ein solches Leben zu führen?", fragt sich Schreiber.

Weitere Informationen
Ein Kind springt von einem Steg mit ausgebreiteten Armen ins Wasser. © IMAGO Foto: Christoph Franke
73 Min

Bücher über das Ungewisse

Lisa Kreißler und Alexander Solloch diskutieren diesmal über Texte von Rebecca Solnit und Adelheid Duvanel. 73 Min

"Allein": Fülle der Verweise stört den Lesefluss

Die Schwäche dieses Essays ist die Fülle der Verweise. Da wird der Autor zum Bibliothekar, der immer noch einen Soziologen, eine Philosophin, einen Anthropologen zitiert. Das stört mitunter den Lesefluss und schwächt Schreibers eindringliche Beobachtungen. Dennoch gelingt ihm eine Streitschrift über das Zusammenleben. Ein Nachdenken über das, was nach der ewigen Erzählung von der romantischen Liebe kommen könnte.

Wir gehen mit der Annahme durch das Leben, dass man über alles hinwegkommen müsse. Häufig geht genau das nicht - häufig müssen wir, um unseren Weg zu finden, genau von dieser Annahme Abschied nehmen. Leseprobe

Allein

von Daniel  Schreiber
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26792-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.10.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Besucher einer Vorstellung der Hamburger Kammerspiele gehen am Eingang an einem Aushang vorbei, der auf die geltenden 2G-Regeln im Haus für den Theaterbesuch hinweist. © picture alliance/dpa | Markus Scholz

Neue Corona-Regeln: So läuft es in den Kultureinrichtungen

Zwischen Hoffen und Bangen: Wie sich Kultureinrichtungen im Norden auf die verschärften Regelungen einstellen. mehr