Alex Schulman: "Die Überlebenden" © dtv

Alex Schulman: "Die Überlebenden"

Stand: 16.09.2021 12:08 Uhr

Etwas ist geschehen: Die Welt hat sich verändert. Benjamin, der mittlere von drei Brüdern, er ist neun Jahre alt, sitzt mit dem Hund Molly am See. Wir folgen seinem Blick auf die Wasseroberfläche.

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von Anna Hartwich

Er sah die Ringe auf dem Wasser und stellte fest, dass sie sich nicht nach außen bewegten, sondern nach innen. Die Ringe auf dem See strebten ihrer eigenen Mitte zu, als würde jemand einen Film rückwärts abspielen. Er wurde vom Echo eines Schreis über den See überrascht. Er schaute hinaus, versuchte den Ursprung zu lokalisieren. Dann schrie er. Er begriff, dass die Zeit nicht stehen geblieben war - sie lief rückwärts.

Wenn die Zeit rückwärts läuft

Zuvor hatten die Brüder einen Fisch gefangen und lebendig gebraten. - Ein Haus am See, drei Brüder, ein Hund und die Eltern: Was ein Kindheitsidyll nach dem Vorbild der Bücher seiner Landsmännin, der großen Astrid Lindgren hätte sein können, wird bei Alex Schulman zum dunklen Verhängnis, das den Leser, die Leserin buchstäblich bis auf die letzten Seiten nicht loslässt. Denn in diesem Buch läuft in einer kunstvollen Konstruktion die Zeit wirklich rückwärts.

Wie in allen seinen Büchern geht es um Schulmans eigene Familie, doch diesmal wählt er die Romanform.

Warum fühle ich mich als Erwachsener meinen Brüdern so entfremdet, wundert sich der Autor. "Die Frage, die man sich von Zeit zu Zeit stellt: Was ist in der Kindheit geschehen, und was hat es mit mir gemacht? Je länger ich lebe, desto dringender wollte ich darüber schreiben. Es geht auch um die Wahrheit. Es gibt keine objektive Wahrheit, nur viele Versionen der Dinge, die geschehen sind." 

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Alex Schulmann © picture alliance / TT NYHETSBYR?N Foto: Jessica Gow

Fabian Busch liest "Die Überlebenden" von Alex Schulman

Spannend und psychologisch einfühlsam schildert Alex Schulman in seinem ersten Roman eine Reise in ein altes Trauma. mehr

Suche nach dem Trauma

Um die Flut der Erinnerungen zu ordnen und zu bewältigen, gibt sich Schulman in seinem Buch strenge Regeln. Zwei Handlungsstränge bewegen sich aufeinander zu, der eine vorwärts - es ist der, der in der Kindheit spielt -, der andere rückwärts. In vierundzwanzig Kapiteln, Stunde für Stunde bewegen sich die beiden Stränge aufeinander zu, ein geradezu antikisch anmutendes formales Korsett, das eine seltene Dichte der Erzählung ermöglicht.

Was ist in jenem Sommer am See geschehen? Ein Unfall, ja, aber was noch? Was liegt auf ihnen wie Blei? Psychologisch fein und äußerst wahrhaftig geht Alex Schulman auf die Suche nach dem Trauma, denn das Verdrängungspotential der Brüder ist erschöpft, als die Mutter stirbt und sich wünscht, ihre Asche möge am Ufer des Sees verstreut werden.

Die Autofahrt der Brüder dorthin ist der zweite, rückwärts laufende Handlungsstrang. Nach langer Zeit wieder zusammen, brechen die verschiedenen Wahrheiten zwischen ihnen auf. Denn was sie teilen, ist eine Kindheit "in einem Oberklassenhaushalt unterhalb des Existenzminimums": Die Eltern trinken.

Schwierige Kindheit

Sie saßen immer nebeneinander, Schulter an Schulter, denn beide wollten aufs Wasser schauen. Die weißen Plastikstühle ins hohe Gras gebohrt, ein schiefer kleiner Holztisch, auf dem die fleckigen Biergläser in der Abendsonne glänzten. Im Gras zwischen ihnen eine Kühltasche, die den Wodka bereithielt. Jedes Mal, wenn Papa einen Schnaps kippte, sagte er "hej" und hob das Glas in Richtung Nirgendwo und trank. Leseprobe

Wo der Alkohol waltet, ist alles unsicher, das bekommen die Brüder hautnah zu spüren.

Mit dem Blick der Kinder erzählt Alex Schulman genauso präzise wie aus dem Erleben der Erwachsenen. Er entfaltet eine Welt, in der jeder schuldlos schuldig werden muss. Am Kulminationspunkt, am Ende des Buches, treffen sich Gegenwart und Vergangenheit, und die finale Auflösung hat etwas von der antiken Tragödie. Ein meisterhaftes, formstrenges, ein tief anrührendes Buch.

Die Überlebenden

von Alex Schulman, aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28293-2
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.09.2021 | 12:40 Uhr

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