Stand: 17.03.2019 10:00 Uhr

Obdachlos im ICE

Fliegen
von Albrecht Selge
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Auch wenn die alte Dame in Selges Roman seit zwei Jahren Zug fährt, beschreibt er kein Eisenbahn-Idyll.

Wem der Ruhm zufliegt und wem nicht, lässt sich rational nicht immer einleuchtend erklären. Albrecht Selge beispielsweise, geboren 1975 in Heidelberg und aufgewachsen in Berlin, schreibt (wie seine Romane "Wach" und "Die trunkene Fahrt" gezeigt haben) zweifellos keinen Deut weniger zupackend und bewegend als etwa Daniel Kehlmann, gilt aber bislang doch eher als Geheimtipp. Jetzt ist sein neuer Roman "Fliegen" erschienen - einer, der uns alle angeht, einer, den wir alle lesen sollten.

Mietwucher und Altersarmut

Alles kann sie uns nehmen, die hemmungslose Mietmafia in ihrem Bestreben, die Städte zu veröden und selbst am Geld zu ersticken, alles kann sie uns nehmen: die Wohnung, die Wurzeln, die Heimat; aber nicht die Würde. Die nimmt uns keiner.

Da ist also diese ältere Dame, sie geht wohl auf die 70 zu. Mit ihren paar wenigen Habseligkeiten steigt sie in den Zug - und verlässt ihn allenfalls noch kurz zum Umsteigen.

"Sie fuhr jetzt ins zweite Jahr. Draußen war Sommer. Blickte sie aus dem Fenster auf einen dieser funkelnagelneuen Kreisverkehre. Brauchte sie keine Brille, die Augen adlerscharf trotz Rentenalter. Wie aus dem Ei gepellter Kreisverkehr und war aus irgendeinem Grund stolz auf ihn, denn war doch fabelhaft gelungen. Wer hat dich, du schöner Kreisverkehr. Kaum ein Auto fuhr darin, so war das meist dort. In anderen Kreisverkehren freilich wälzt und stauts sich. Solche sah sie oft aus überfüllten Zügen. Dann kam Nervosität auf hier drin und Ärger, Hektik, wenn die Fahrt stockt und der Zug bleibt stehen: Anrufe! Der Zug steht schon wieder! Keine Ahnung warum! Scheißdeutschebahn. Diese böse Unruhe war gestiegen in letzter Zeit. Wurden sie alle plem." Leseprobe

Eine pragmatische Lösung

Sie will sich nicht anstecken lassen von der Wut der Leute. Wer nie große Pläne hatte, braucht sich vom Lauf der Dinge auch nicht verbittern zu lassen. Als sie ins Rentenalter kam, wurde auch ihre Wohnung zu teuer - umzuziehen in den Zug war eine ganz pragmatische Entscheidung. Die "BahnCard 100" kommt sie günstiger als alles, was sie an Miete zahlen müsste. So sitzt sie nun da, umkreist - nach streng getaktetem, oft natürlich trotzdem durcheinanderkommenden Fahrplan - wöchentlich Deutschland und sieht sich um und sammelt Flaschen und quatscht mit den Leuten. Eine "gesellige Alleinige" mit einer ganz eigenen inneren Sprache:

"Der Kopf wurde ihr auf tagaus tagein langen Fahrten manchmal schummrig, schwindlig und gerieten ihr öfter im Denken die ordentlichen Anschlüsse durcheinander, wie wenn sich was verpasste und war ihr egal. Ein Stück quer oder schnitt ein Ende ab und stieg auf gewohnter Route wieder ein. Aber vielleicht auch bloß rammdösig vom zerstückelten Schlaf." Leseprobe

Das Leben im Zug ist nicht einfach

Dies ist kein romantisches Eisenbahn-Idyll; die alte Dame eilt im Zug nicht lustvoller Leichtigkeit entgegen. Es ist mühsam, das bisschen Geld, das ihr bleibt, beisammenzuhalten, mühsam, nach ihren eigenen strengen Maßstäben rein zu bleiben, mühsam, in einer Welt ohne Geräusche, ohne Gerüche, ohne Berührung zu leben. Aber es gibt Momente, die sie für all die Mühsal entgelten - die Momente zumal, in denen sie spürt, dass der Mensch ja doch fliegen kann.

"… und fliegt, wenn die Räder des Zuges sich von den Gleisen lösen und sich auflösen und der Zug abhebt und der Körper sich aus dem Zug löst und abhebt und sich die Seele herauslöst oder was das sein soll, etwas Feines und Luftiges, und all das Böse, gereizte, Unruhige abschüttelt wie so einen Floh, dem der Biss, mit dem er sich in der Haut festgesetzt hat, nichts nützt, wenn die Haut abgeworfen wird, und flog in ruhigem, gleichmäßigem Flug, als schwebte sie, durch Tag und Nacht und über weites und enges Land und über die Welt …" Leseprobe

Poetisch, ganz unpathetisch und mit großer Zuneigung zum Menschen zeigt uns Albrecht Selge, dass wir uns im Flug durchs Leben von niemandem demütigen lassen müssen. 

Fliegen

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-7371-0067-0
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.03.2019 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Albrecht-Selge-Fliegen,fliegen186.html

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