Stand: 21.07.2020 11:52 Uhr  - NDR Kultur

Bernhard Schlinks Variationen von Schuld

Abschiedsfarben
von Bernhard Schlink
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

25 Jahre sind schon vergangen seit Bernhard Schlink mit dem großen Erfolg des Romans "Der Vorleser" Weltruhm erlangte. Seitdem gilt der Jurist als einer der vielseitigsten und erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Am 22. Juli erscheint im Diogenes Verlag ein neuer Band mit Geschichten von Bernhard Schlink mit dem Titel "Abschiedsfarben".

Sie sind tot - die Frauen, die ich geliebt habe, die Freunde, der Bruder und die Schwester und ohnehin die Eltern, Tanten und Onkel. Ich bin zu ihren Beerdigungen gegangen, vor vielen Jahren oft, weil damals die Generation vor mir starb, dann selten und in den letzten Jahren wieder oft, weil meine Generation stirbt. Ich dachte lange, eine Beerdigung würde helfen, vom Gestorbenen Abschied zu nehmen. Abschied muss sein; das Wissen, dass einer gestorben ist, bleibt beunruhigend, bis der Abschied ihn seine Ruhe finden lässt - und einen selbst. Aber eine Beerdigung hilft nicht. Leseprobe

Cover des Buchs "Abschiedsfarben" von Bernhard Schlink © Diogenes
In Bernhard Schlinks Abschiedsgeschichten geht es um Schuld, die man im Leben auf sich lädt.

Sie hilft vor allem dann nicht, wenn es noch eine ungeklärte Schuldfrage gibt. Es wird ja bei Trauerfeiern oft ausdrücklich zum Nachdenken angeregt über das, was man dem Verstorbenen schuldet oder sich selbst dem oder der Toten gegenüber - verbunden mit der Aufforderung, beides zu verzeihen.

In diesem Sinne haben die Abschiedsgeschichten von Bernhard Schlink ein Grundthema. Es sind gar nicht unbedingt zuvorderst die Abschiede, die hier beschrieben werden, sondern im Kern geht es hier immer um Schuld. Schuld, die man im Laufe eines Lebens auf sich lädt, ohne es zu beabsichtigen. Es sind Variationen auf etwas, das Ingeborg Bachmann einmal so formulierte: Man kann nicht leben, ohne anderen Menschen Wunden zuzufügen.

Da ist der Mann, dem nachträglich erst klar wird, dass er einen Freundschaftsverrat begangen hat. Er war als Jugendlicher verliebt in ein Mädchen. Sie ließ ihn immer mit ihrem im Rollstuhl sitzenden Bruder allein. Als er merkte, dass es ihr gar nicht um ihn ging, hat er sich damals entzogen und ist weggegangen. Aber für den Bruder der jungen Frau war die Freundschaft mit ihm etwas Eigenes, Wichtiges in seinem Leben geworden. Er fühlte sich dann als doch gescheiterter Weg zum Herz der Schwester missbraucht.

Bernhard Schlink schafft lebendige Figuren

Bernhard Schlinks Figuren sind klug und auch gewillt, sich selbst zu vergeben. So auch in der ersten Geschichte, in der es um einen noch heftigeren Verrat geht. Ein Wissenschaftler hatte die geplante Republikflucht seines besten Freundes verraten, um ihn bei sich zu behalten. Sich selbst hat er verziehen. Dann kommt Lena, die Tochter seines Freundes, auf die Idee, die Stasi-Akte ihres Vaters einzusehen.

Ich versuchte, es ihr auszureden. Hatten wir nicht über die ehemaligen Stasi-Leute gelesen, die dort arbeiteten und denen nicht zu trauen war? Leseprobe

Seine Bitten machen Lena nur noch entschlossener. Er nennt es zur Abwehr eigenen Versagens die heutige Lust am Opfer-gewesen-Sein. Aber so einfach ist die Sache eben doch nicht abzutun.

"Abschiedsfarben": Geschichten treffen mitten in die Seele

In der letzten Geschichte in dieser Sammlung geht es um einen Mann, der eine sehr viel jüngere Frau liebt und weiß, dass es besser wäre, sie zu verlassen.

Aber er wusste, dass er es nicht tun würde. Er würde in ihrem Leben bleiben, so lange sie ihn ließ. Es würde mit ihnen weitergehen wie (…) nein, es würde mit ihnen nicht weitergehen wie bisher, er würde, was er begriffen hatte, nicht vergessen. Frevel? Liebe und mach, was du willst. Leseprobe

Irgendwie möchte man nicht, dass diese Geschichten je enden. Sie sind ein bisschen altmodisch, aber sie treffen mitten in die Seele, und sie sind so geschrieben, als ob man sie mit keinem Wort anders erzählen könnte. Es sind die uralten Geschichten, die wir alle kennen und unter denen alle leiden, die ein Herz haben.

Abschiedsfarben

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07137-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.07.2020 | 12:40 Uhr

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