Der tansanische Literatur-Nobelpreisträger von 2021, Abdulrazak Gurnah © picture alliance / StockPix | Ger Harley | EdinburghEliteMedia.co.uk Foto: Ger Harley | EdinburghEliteMedia.co.uk

Abdulrazak Gurnah erhält den Literaturnobelpreis 2021

Stand: 07.10.2021 13:21 Uhr

Der Literaturnobelpreisträger 2021 heißt Abdulrazak Gurnah. Die Entscheidung der Schwedischen Akademie in Stockholm kam für viele überraschend. Gurnah stammt aus Tansania und lebt seit vielen Jahrzehnten in Großbritannien.

Abdulrazak Gurnah erhält die Auszeichnung für seine unbestechliche und leidenschaftliche Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Kolonialismus und dem Schicksal der Flüchtlinge im Spannungsfeld zwischen den Kulturen und Kontinenten, heißt es in der Begründung der Schwedischen Akademie. Nobelpreisexperte Jan Ehlert über die Entscheidung.

Jan Ehlert, Host unseres Literaturpodcasts eat.READ.sleep, Hand aufs Herz: Hast Du schon mal ein Werk von Abdulrazak Gurnah gelesen?

Jan Ehlert: Ganz ehrlich: Nein, bislang noch nicht. Aber das werde ich jetzt ganz schnell nachholen.

Also selbst für dich, der sich viel mit Literaturnobelpreisträgerinnen und -preisträgern beschäftigt, eine Überraschung?

Jan Ehlert: Absolut. Ich hatte zwar mit einem Preisträger aus Afrika gerechnet, mit dem Kenianer Ngugi wa Thiong’o oder Mia Couto aus Mosambik, aber mit Abdulrazak Gurnah hätte ich wirklich nicht gerechnet. Und auch in allen Spekulationen, die ich verfolgt habe, gerade auch in den britischen -Gurnah lebt ja in England - tauchte sein Name nicht auf. Dem Komitee ist hier also eine wirkliche Überraschung gelungen.

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Ist das eine gute Wahl des Nobelpreis-Komitees?

Jan Ehlert: Literarisch kann ich es noch nicht sagen, aber: Dass endlich wieder ein Autor aus Afrika ausgezeichnet wird, das finde ich großartig. Und soweit ich das jetzt auf die Schnelle überblicken konnte, ist es ein sehr interessanter Autor, der die Themen der kulturellen Zerrissenheit beschreibt. Übrigens auch aus deutscher Sicht interessant: Tansania war lange eine deutsche Kolonie, Deutsch-Ostafrika. Gurnahs neustes Buch, "Afterlives", befasst sich mit dieser Zeit und mit dem Weg in die Unabhängigkeit. Ilyas, der Protagonist, recherchiert da die Geschichte seines Landes. Gurnah selbst sagt, dass er mit den Geschichten aus dieser Zeit und dem Krieg aufgewachsen ist und sie ihn stark beeinflusst haben. Das Buch werde ich also auf jeden Fall lesen.

Was kannst du uns denn zu Abdulrazak Gurnah sagen?

Jan Ehlert: Er lebt in England, kam mit 17 oder 18 Jahren dorthin und hat bislang zehn Romane geschrieben. Sein erster, "Memory of Departure", erzählt die Geschichte eines Jungen in einem namenlosen afrikanischen Küstenort und wie dieser Junge zu der Entscheidung kommt, seine Heimat zu verlassen. Dann finde ich besonders interessant "Pilgrims Way": Daoud, ein junger Muslim, angelehnt an den biblischen David, kommt in eine englische Kleinstadt und erlebt dort Rassismus, Ausgrenzung, aber auch Zeichen kultureller Verständigung, ein Buch, das auch sehr humorvoll sein soll, heißt es. Und das doch ziemlich aktuell klingt. Und dann vielleicht auch "Admiring Silence", was diese Zerrissenheit am stärksten zeigt: Ein Mann aus Sansibar heiratet eine englische Frau, seine Erinnerungen an Afrika sind über die Jahre verklärt, romantisch, "Ich hatte eine Farm in Afrika"-mäßig. Und dann reist er in seine Heimat und ist von dem radikalen Bruch, von der Realität, von Armut, alten, barbarisch anmutenden Bräuchen doch sehr schockiert. Es ist der Versuch, zu erklären, warum man sich als Afrikaner in Europa eine neue Identität erschaffen muss und wie das funktioniert.

Die Preisträgerinnen und Preisträger kamen ja in den letzten zehn Jahren fast ausschließlich aus Europa oder dem nordamerikanischen Raum - wollte das Komitee damit ein Zeichen setzen, dass sie auch afrikanische Literatur auf dem Zettel haben? Eine politische Entscheidung also?

Jan Ehlert: Die Schwedische Akademie betont immer, dass es bei der Vergabe nur um literarische Kriterien geht. Aber natürlich haben ihre Mitglieder auch wahrgenommen, dass die Rufe nach mehr Diversität, nach mehr nicht-europäischen Autorinnen und Autoren lauter geworden sind. Insofern ist es sicherlich schon ein kleiner Kurswechsel. Andererseits: Gurnah lebt seit Jahrzehnten in England, alle seine Romane sind dort entstanden. Das ist ein wenig wie mit Kazuo Ishiguro, Nobelpreisträger aus dem Jahr 2017. Der ist in Japan geboren, wird aber doch als sehr britischer Autor wahrgenommen. Wenn man ein wirkliches Signal hätte setzen wollen, dann hätte man sich für einen Autor oder eine Autorin entschieden, die viel stärker in der afrikanischen Kultur verwurzelt ist. Ngugi wa Thiong’o etwa, der in Kikuyu schreibt, der Sprache seines Stammes und der gerade mit "The Perfect Nine" das große afrikanische Epos veröffentlicht hat. Aber trotzdem: Ich finde es großartig, dass der Preis diesmal nach Afrika geht, denn es gibt dort viele Stimmen, die es wirklich zu entdecken lohnt. Abdulrazak Gurnah ist ganz sicher eine davon.

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