Ulrich Wickert

100 Jahre PEN: Regula Venske und Ulrich Wickert im Gespräch

Stand: 05.10.2021 16:00 Uhr

Heute feiert der PEN Geburtstag: Vor genau einhundert Jahren wurde der internationale Verband von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in London gegründet.

von Peter Helling

Hinter "PEN" steckt ein Wortspiel: einmal die Abkürzung für Poets, Essayists, Novelists ("Dichter, Essayisten, Romanautoren"), aber es klingt natürlich nicht zufällig wie das englische Wort für Kugelschreiber. Die Vereinigung ist kein illustrer Club, sondern eine aktive Gemeinschaft, um verfolgten Autorinnen und Autoren zu helfen. Ein prominentes Mitglied des PEN aus Hamburg, Ulrich Wickert, erinnert sich noch genau, als er aufgenommen wurde: "Man kriegt einen Brief, über den man sich freut".

PEN verbindet Schriftstellerinnen und Schriftsteller

Ulrich Wickert, Ex-"Mister Tagesthemen", erfolgreicher Autor und Essayist, sitzt in einem französischen Café an der Alster. Mitglied im PEN wird man nicht automatisch, nein - man wird empfohlen, gewählt. Sein Brief kam 1982: "Ich glaube, den werde ich sicher irgendwo bei mir noch haben."

PEN-Mitglied, das wollte er schon ganz früh werden: "Leute, die Bücher schreiben, schreiben in ihrem Kämmerlein. Die sind ganz lange Zeit für sich alleine - und da ist diese Institution PEN, "Poets, Essayists, Novelists". Da möchte man doch mit den anderen in Kontakt treten.", so Wickert.

Weltweites Engagement für eingesperrte Autorinnen und Autoren

Man fühlt sich aufgehoben, sagt Ulrich Wickert. Und das kann für viele Autorinnen und Autoren überlebenswichtig sein - etwa im PEN-Komitee "Writers-in-Prison". Hierbei setzen sich PEN-Mitglieder auf der ganzen Welt für eingesperrte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein.

Regula Venske ist gerade auf  einer dienstlichen Reise in Warschau. Die Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland trifft sich dort mit ihren polnischen Kollegen und Kolleginnen: "Das war sehr erschütternd, denn die Lage ist sehr viel bedrohlicher, als wir das von Deutschland aus wahrnehmen. Immer wieder wird man darauf angesprochen, dass die Rechtsstaatlichkeit nicht mehr bestünde, dass die Gewaltenteilung nicht mehr bestünde."

100 Jahre Kampf für das freie Wort

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Der PEN kämpft für das freie Wort, weltweit: "Unsere Waffe ist das Wort. Das heißt, wir stellen vor allen Dingen Öffentlichkeit her und ich denke, manche Kolleginnen und Kollegen wären noch im Gefängnis geblieben, wenn wir uns nicht über Jahrzehnte für sie eingesetzt hätten", so Venske.

Der deutsche PEN bietet einzelnen Verfolgten und ihren Angehörigen sogar Wohnungen an. Venske: "Wir haben zum Beispiel mit Wolha Hapejewa eine Dichterin aus Belarus. Andere kommen aus Syrien, der Türkei, China oder Vietnam."

"Es ist vor allem eine Verpflichtung, mehr noch als eine Ehre"

Die Mitglieder können Briefe an eingesperrte Autoren schreiben, um zu zeigen: Ihr seid nicht vergessen. Jedes PEN-Mitglied erklärt, sich gegen Hass einzusetzen. Eine Mitgliedschaft bedeutet also keineswegs Glamour und Sekt. "Es ist vor allem eine Verpflichtung, mehr noch als eine Ehre", sagt Venske.

Dass der PEN nicht an Landesgrenzen halt macht, steckt in seiner DNA: Schon bald nach dem Ersten Weltkrieg in London gegründet, reichte er dem Kriegsgegner Deutschland die Hand. 1924 wurde der PEN Deutschland gegründet. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, ging der PEN ins Exil. Nach der Wiedervereinigung haben sich PEN-Ost und -West mühsam angenähert: Heute gibt es hierzulande etwa 800 Mitglieder, weltweit rund 140 Zentren in über 100 Ländern. Laut Venske ist der PEN eine weltweite Familie des Wortes. Und in diesen Tagen, sagt Regula Venske, versucht der PEN, seine "Familienmitglieder" aus Afghanistan herauszuholen: "Bislang nicht nur erfolgreich. Wir haben jetzt die Hoffnung, dass eine Gruppe nach Deutschland wird kommen können."

Noch viel zu tun

In Belarus, wo das PEN-Zentrum "liquidiert" wurde, wurden die Gelder eingezogen. Es gibt, leider, viel zu tun. Regula Venske wünscht dem 100-jährigen Jubilar PEN "dass wir irgendwann überflüssig werden, weil die Welt so schön geworden ist. Aber da wir diesen noblen Tag nicht erleben werden, wünsche ich uns bis dahin viel Durchhaltekraft, Courage, aber eben auch Ausdauer.

Und Ulrich Wickert ist überzeugt, "dass das geschriebene Wort nie untergehen wird. Weil es die Phantasie anregt. Und ich glaube, die Phantasie ist ein ganz großes Element, das der PEN anspricht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 05.10.2021 | 19:00 Uhr

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