Stand: 28.03.2018 14:14 Uhr

Was verbinden Sie mit dem Jahr 1968?

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Februar 1968: Protest gegen den Vietnamkrieg in Berlin.

1968 - ein Jahr des Protests, der Revolte? Oder ein Jahr des Aufbruchs? Was verbinden Sie persönlich mit dem Jahr 1968? Wie empfinden Sie aus heutiger Sicht die Geschehnisse vor 50 Jahren? Hier einige Ihrer Zuschriften:

  • U. Mors, Regensburg

    Ich bin Jahrgang 1939. 1968 war ich junger Berufsoffizier in der Bundeswehr mit realer Verantwortung. In der Armee habe ich auch gelernt, politische Vorgänge zu beobachten und zu analysieren. Mit der Berufswahl wollte ich einen demokratischen deutschen Staat aufbauen und das System eines kommunistischen Staates verhindern. Ich habe Kinder und fast schon erwachsene Enkel, mit denen ich in Kontakt bin. Politisch bin ich Wechselwähler. Zeitlich kurzfristig wie langfristig betrachtet erscheint mir die 68er-Bewegung negativ. Sie war idealistisch-ideologisch und anarchisch geprägt mit sozialistischer Zielsetzung. Sie hemmte die progressiven Kräfte unter Brandt, Schmidt, Genscher und Kohl und destabilisierte den Staat, wobei sie überholte konservative Kräfte aktivierte. [...] Sehr große Hochachtung habe ich vor Personen wie Joschka Fischer, der vieles wieder gut gemacht hat. Verhängnisvoll wäre jetzt eine romantische und idealisierende Betrachtung. Was sich in Zeiten der 68er-Aktivitäten positiv bewegt hat, hätte sich ohne sie schneller und besser bewegt, ohne langfristig negative Auswirkungen.

  • R. Becker, Hamburg

    Als Jahrgang 55 habe ich die 68er grade eben so mitbekommen. An unserer Schule wurden Streiks organisiert. Lehrer beschimpft und Plakate mit Slogans wie "enteignet Springer!" an die Wände geklebt. Es gab eine Demo gegen das Treffen der Sudentendeutschen Landsmannschaft. Die Apo hatte ein Ladengeschäft angemietet, nannte es "Demokratisches Zentrum" und wollte von dort aus die Revolution beginnen. Weil abends dazu Musik gehört wurde und Bier auch nicht unbekannt war, gab es Ärger mit den Nachbarn, die morgens früh hoch mussten, um zu arbeiten. Einmal sollen sogar Fäuste geflogen sein. Mit den normalen Menschen gab es nur wenige Gemeinsamkeiten.  Es war mehr eine Bewegung der sogenannten Eliten. Aber wie sollten sich ein Rudi Dutschke und ein Straßenarbeiter auch verstehen. In meiner Erinnerung steht die 68er-Zeit eher für eine lustige Zeit mit komischen Darstellern wie Rainer Langhans samt Uschi oder Wolfgang Neuss. Der Frontalangriff auf die Kriegsgeneration tat mir leid, weil z. B. mein Vater eine fürchterliche Jugend als Soldat hatte und sich hierfür vor einer satten Wohlstandsjugend rechtfertigen musste. Eine Volksrevolte war das nie. Und irgendwie war das alles peinlich.

  • H. Melles, Bad Zwischenahn

    Ich war während des Studiums Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Dann heiratete ich, bekam 1966 und 1967 meine Kinder. Da waren sie und mein Mann die Hauptrollen in meinem Leben. Dennoch war mir das Gedankengut der Linken nah. So habe ich unsere Kinder weitgehend antiautoritär erzogen, aber mein geliebter Mann war da anderer Meinung. So wurde eine Mischung in ihrer Erziehung erzielt und das hat ihnen gut getan. Aus unseren Kindern sind selbstbewusste, kritische und lebensstarke Menschen geworden.

  • K.-F., Kamm, Norderstedt

    Dieses Jahr war für mich das Jahr großer Umwälzungen und Kontraste. Im Sommer wurde ich 18, machte Abitur + Führerschein und begann im Herbst zu studieren. Innerhalb eines halben Jahres erkrankte mein Vater schwer und starb. Mit einem Schlag musste ich erwachsen sein. In der Welt geschahen Ereignisse in einem schrecklichen vorher nicht gekannten oder wahrgenommenen Ausmaß. In Vietnam die Tet-Offensive des Vietcong und der brutale Gegenschlag der Amerikaner, in USA die Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy, in Paris Generalstreik und Studenten- Aufstand, in Deutschland Verabschiedung der Notstandsgesetze, in Berlin und auch in meiner Heimatstadt große Anti-Vietnam-Demonstrationen, Erleben des Prager Frühlings als letzte Klassenfahrt und dann der Einmarsch der Russen in Prag, erste politische Nachtgebete in Köln und meiner Heimatstadt.
    Das sind alles nur Stichworte, die kaum darstellen können, wie stark wir emotional durch viele Gespräche, Aktionen, Diskussionen, Demonstrationen, Sit-ins, Auseinandersetzungen in Schule, Familie, Freundeskreis umgetrieben waren. Die Unruhe in uns jungen Menschen hatte schon in den Jahren davor begonnen, doch im Jahr 1968 kulminierte das Unbehagen an der bleiernen gesellschaftlichen Situation in den unbändigen Wunsch nach Veränderung. Das Jahr 1968 war eines der prägendsten in meinem Leben. Leider gelang es mir nicht mehr, offen mit meinem Vater über seine NS-Vergangenheit zu sprechen.

  • I. Alexander, Hamburg

    Ich war damals noch eine 22-jährige Kinderkrankenschwester in Berlin. Ein kleines Taschenradio half mir, die Nachtwache zu verkürzen - da hörte ich in einer Live-Übertragung von der Unerhörtheit, wie sich Rudi Dutschke in der Gedächtniskirche Gehör verschaffte und das bisher Ungehörte mutig hörbar machte. Das hat mich ungeheuer beeindruckt! Es war der Anfang meines immer differenzierter und präziser werdenden politischen Bewusstseins. In mir erwachte die Erlaubnis, scheinbar Feststehendes kritisch zu hinterfragen - eine neue Freiheit! Mein, im Keim schon immer vorhandener Wissensdurst, fand in der 68er-Zeit Nahrung, mein Horizont erweiterte sich. Gesamtzusammenhänge zwischen allen gesellschaftlichen und privaten Bereichen, erschlossen sich mir. "Denken hilft", wurde für mich bis zum heutigen Tag  innerlich und äußerlich ein wegweisender Leitspruch. Inzwischen bin ich über 71 Jahre alt geworden, hab' eine erfolgreiche (im Sinne von Zufriedenheit) Berufstätigkeit, ein Buch geschrieben und bin nach wie vor brennend daran interessiert, Fragen zu stellen oder nicht gestellte Fragen aufzuwerfen. Die Atmosphäre der 68er-Jahre hat mich entscheidend geprägt und ich bin dankbar dafür. 

  • H. Baum, Hannover

    Ich hatte im Winter 1967/68 auf der "Wiedstein" (N.D.L.) angeheuert - als Messejunge. Der Dampfer ging nach Brasilien. Die erste Reise ist für jeden Fahrensmann kein Zuckerschlecken. Drei Tage Schlechtwetter in der Biskaya. 15 Meter hohe Wellen! Vor der bevorstehenden Äquatortaufe hatte ich ziemlich Schiss...  Am 2. März 1968 lagen wir vor Fortaleza auf Reede. Die herrlich klare Nacht verbrachten wir an Deck - unter dem Kreuz des Südens und ohne Moskitos! Am Morgen brachte mir der Funker ein Telegramm: "Alles Gute dem Großen Sohn stop die gluecklichen Eltern". Typisch mein Alter! In seinen Geburtstagsgruß hatte er ganz elegant seine Erleichterung eingewoben: jetzt durfte ich meine Suppen, die ich mir immer reichlich eingebrockt hatte, selbst auslöffeln. Ich war 21 - und damit volljährig - geworden.

  • C. Hansen via Facebook

    Aufbrechen der verkrusteten Moralvorstellungen der 60er, Aufarbeitung der Nazivergangenheit, der Beginn der modernen Pädagogik, Aufbegehren gegen die Allmacht des Staates, zeigen, dass Widerstand möglich und sinnvoll ist, das Ende von Schlager und der Beginn von Rock'n'Roll ... ohne diese tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung wäre unsere heutige Freiheit in einigen Bereichen nicht möglich gewesen.

  • H.-D. Höpfner, Osteel

    Die Niederschlagung des Prager Frühlings durch den Einmarsch der Truppen des "Warschauer Pakts" in der CSSR. Auf einem Schiff der Volksmarine der DDR in Peenemünde waren wir monatelang in Alarmbereitschaft ohne Heimaturlaub.

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