Eine Frau sitzt an einem Computer, daneben eine große Zimmerpflanze © NDR Foto: Lenore Lötsch

Revival der Zimmerpflanzen

Stand: 01.02.2021 10:44 Uhr

Der Blick aus dem Fenster ist eher trostlos im Februar, die Aussichten auf Ausflüge und Theaterbesuche sind es auch - also bleibt nur der Blick auf die Fensterbank. Zimmerpflanzen feiern in diesen Monaten ein erstaunliches Revival.

von Lenore Lötsch

Hat sie sich nicht ordentlich betragen? War sie zu üppig oder zu mickrig? Hatte sie tierischen Besuch? Weshalb nur darf diese Palme keine Zimmerpflanze mehr sein, sondern steht vor dem Eingang des Instituts für Biowissenschaften der Rostocker Universität? "Es ist keine Palme, sieht aus wie eine Palme, aber es ist ein Palmfarn, der aber auch kein Farn ist!" Es könnte kompliziert werden, deutet der Rostocker Botanikprofessor Stefan Porembski schon gleich zu Beginn an. Zumindest begrifflich. Das große Revival der Zimmerpflanzen - er hat es im Blick.

"Die Monstera Deliciosa kennt wahrscheinlich jeder, der sich ein bisschen für Pflanzen interessiert, weil es die beliebteste Pflanze auf Instagram ist", wird auf YouTube verkündet. Der urbane Zimmerdschungel all dieser hippen Pflanzenliebhaber des Jahres 2021 erinnert den Rostocker Professor an ein DDR-Wohnzimmer. "Ich selber bin in West-Berlin groß geworden, und in den 70er Jahren, da ging das los mit Yuccapalmen und Madagaskarpalmen. Und unsere Verwandten im Osten hatten immer Monsteras und die haben uns auch immer Ableger gegeben", erzählt Porembski. "Es gibt immer mal so Trendsetter - also der Palmfarn da draußen ist auch 'in'."

Statussymbole auf Instagram

Eine Pflanze steht auf einem Schrank © NDR Foto: Lenore Lötsch
In den sozialen Medien sind Zimmerpflanzen Trend. Auf Instagram wird beispielsweise wöchentlich der #monsteramonday gefeiert.

Man reibt sich ein bisschen die Augen, was da alles wieder "in" ist. Die Grünlilie - einstiger Spitzname "Beamtengras" - wuchert auf den Fensterbrettern, als wären wir mitten im 19. Jahrhundert und Geheimrat Goethe wieder auferstanden. Der war fasziniert vom afrikanischen Spargelgewächs mit Luftverbesserungsgarantie und schickte Ableger an seine Freunde. Und wer heute "Gummibaum" sagt und denkt, er würde ein 60er Jahre-Accessoire beschreiben, wie den Nierentisch, der unterschätzt, dass duldsame Topfpflanzen heute Instagram-taugliche Statussymbole sind. "Wer es sich leisten kann, bestellt sich auch ein paar größere Pflanzen, erklärt Porembski. "So ein Gummibaum, der auch mal so zwei, drei Meter groß werden kann, oder eine Banane, oder eine Kokospalme."

Sind wir wieder im Biedermeier angekommen? Nur, dass wir nicht wie auf Spitzwegs Bildern in stummer Ehrfurcht Kakteen betrachten, sondern die langen fleischigen Blätter des Bogenhanfs polieren? Der übrigens war schon einmal ziemlich Mode im Deutschland der 20er Jahre, Walter Gropius sei Dank. "Nicht so verschnörkelt. Der passte zum Bauhausstil", findet Porembski. "Und so etwas finden offensichtlich auch heute wieder Leute gut! Da sehen wir schon, wie man sich mit der Wahl der Zimmerpflanzen auch separieren kann vom Durchschnitt", meint der Botanikprofessor.

Zu Hause auf Forschungsreise gehen

Die Kulturgeschichte unserer Zimmerpflanzen hat viele Kapitel: Die ersten erzählen vom 19. Jahrhundert, von zugigen Fenstern und unregelmäßiger Temperatur: Als sich Zimmerlinde, Zimmertanne und Kamelie bei 10 bis 15 Grad an die Wohnzimmerdecken streckten: "In unseren Wohnungen mit Zentralheizung, wo wir die Luftfeuchtigkeit auf 10% und weniger heruntergefahren haben, da fühlen die sich nicht wohl." Das Personal auf unseren Fensterbänken kann auch ganz andere Geschichten erzählen: Von Kolonialisierungen, von Wildfängen, von Zombiepflanzen wie den Tillandsien, einer Bromelienart, die in den 80ern die deutschen Wohnzimmer bevölkerte, aber bereits beim Verkauf tot war, nur ein bisschen bunt angesprüht Leben verhieß. 

Stefan Porembski wünscht sich die Zeit zurück, als man Zimmerpflanzen hatte, um damit zu Hause auf wissenschaftliche Forschungsreisen zu gehen. "Die sogenannten Liebhaber haben das dann zu einem Hobby gemacht, was dann teilweise schon ziemlich ernsthaft wurde", berichtet er. "Da kams dann zur Gründung der deutschen Kakteengesellschaft, Orchideengesellschaft, Bromeliengesellschaft und so weiter. Das gibts heute kaum noch, diese Verbindung zwischen Zimmerpflanze und Wissenschaft", bedauert Porembski.

Weltreise durch die heimischen Blumentöpfe

Eine andere Verbindung aber wird in diesen Monaten des Ausharrens in den eigenen vier Wänden wieder deutlich. Der Blick auf die Topfpflanzen, die uns umgeben, ist immer eine kleine Weltreise: Das Usambara-Veilchen bringt uns nach Tansania, mit der Clivie sind wir in Südafrika und die Phalaenopsis-Orchidee, die für 3,50 Euro an der Supermarktkasse auf uns wartet, erzählt eine Geschichte aus dem Tropen Asiens.

Und für alle, die wissen wollen, wie unsere Post-Pandemie-Wohnzimmer aussehen werden, wagt Stefan Porembski eine Prophezeiung. Er glaubt, "dass so etwas wie Affenbrotbäume mal 'schwer in' sein werden, Kakaobäume und ähnliche Dinge, wo man jetzt nur weiß, das klingt nach Exotik. Ist völlig klar, dass der Gartenhandel in der Phase, wo wir alle nicht raus können, dafür sorgt, dass wir uns die Dinge, die wir mit den Tropen verbinden, nach Hause holen können."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.02.2021 | 07:40 Uhr

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