Cana Bilir-Meier: This makes me want to predict the past © kampnagel.de

Projekt auf Kampnagel: "Rechtsradikale Realitäten in Deutschland"

Stand: 15.04.2021 16:51 Uhr

Die Veranstaltungsreihe "Kein 'Einzelfall' - Rechtsradikale Realitäten in Deutschland" ist in Zusammenarbeit zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung, der Kulturfabrik Kampnagel und dem Metropolis Kino in Hamburg entstanden.

Cana Bilir-Meier: This makes me want to predict the past © kampnagel.de
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Am Freitag geht es los mit Filmen, einer Ausstellung und einem digitalen Kongress, die dem Publikum viele Blickwinkel auf Erfahrungen mit rechter Gewalt, Traditionen des Widerstands und Erinnerungspraktiken versprechen. Die Idee für dieses multiperspektivische Projekt hatte der Filmkurator und Autor Jens Geiger.

Herr Geiger, rechte Gewalt ist beileibe kein neues Phänomen in Deutschland, sondern seit eh und je trauriger Alltag. Warum starten Sie gerade jetzt diese Initiative? Was hat bei Ihnen das Fass zum Überlaufen gebracht?

Jens Geiger © Jens Geiger
"Ich glaube nicht ans Bekehren von Menschen, die rassistisch sind", sagt Jens Geiger.

Jens Geiger: Der Punkt, an dem mein Fass übergelaufen ist, war die Berichterstattung über den Prozess gegen die verbliebenen Mitglieder des NSU, weil ich mich sehr gewundert habe, inwiefern man noch überrascht sein konnte, dass es rechten Terror in Deutschland gibt. Man hätte das schon seit den 90ern sehen können, aber auch schon in den 80ern und davor. An dem Punkt hatte ich das Gefühl, dass man noch mal genauer hinschauen und das auch darstellbar machen sollte.

Ein elementarer Teil ihrer Veranstaltungen sind Praktiken des Gedenkens, mit denen sie sich auseinandersetzen. Von Deutschland wird immer mal wieder behauptet, das Land sei besonders weit vorn, was Erinnern und Gedenken angeht. Wie beurteilen Sie denn die hiesige Erinnerungskultur?

Geiger: Ich finde - und das ist ein Lernprozess bei mir gewesen -, dass es gar nicht so wichtig ist, was ich persönlich über die hiesige Erinnerungskultur denke, sondern dass es Sinn ergibt, mal den Betroffenen, den Angehörigen, den Überlebenden und den Opfern von rechtem Terror zuzuhören. Was ist ihre Meinung zur Erinnerungskultur, wie bewerten sie die Erinnerungskultur hier und was fordern sie, wie sich Erinnerungskultur verändern muss, damit es ihren Bedürfnissen und ihren Forderungen entspricht? Wer darf sprechen? In welcher Form darf gesprochen werden? Und wer definiert den Rahmen von gesellschaftlichem Erinnern? Ob am Ende das Ergebnis steht, dass die deutsche Gesellschaft nach wie vor Erinnerungsweltmeister ist oder ob da noch einiges im Argen liegt - da werden wir morgen in unserem ersten Block beim Kongress einigen Input bekommen.

Wie sind Sie an die Auswahl der Themenschwerpunkte und der Akteurinnen und Akteure herangegangen?

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Geiger: Das ist ein großes Thema, und wir können das nicht erschöpfend in zwei Tagen Kongress und auch nicht in drei Monaten Ausstellung und Filmprogramm durcharbeiten. Ich habe mir das nicht alleine überlegt, und das war auch nicht nur Kampnagel, Heinrich-Böll-Stiftung und Metropolis, sondern wir hatten vor allem einen unglaublich starken, klugen, wunderbaren Beirat. Da sind Betroffene dabei, Überlebende von Pogromen, von rechten Anschlägen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Aktivisten, Gedenkstätten-Mitarbeiter, um eine Multiperspektivität hinzubekommen. Das können wir als klar positionierte Menschen im Kulturbetrieb nicht leisten. Deswegen geht hier noch mal der große Dank an den Beirat raus.

Das so entstandene Veranstaltungsprogramm ist sehr breit gefächert. Was würden Sie besonders hervorheben wollen?

Geiger: Wir haben immer wieder versucht, den Wechsel hinzubekommen: dass wir einerseits sagen, es gibt deutschlandweit ein Problem, aber dass wir auch immer wieder den Fokus verengen, auf Hamburg im Speziellen, aber auch auf Norddeutschland und auf einzelne Fälle. Ich erwarte viel von dem zweiten Block im Kongress, der sich um multiperspektivische Fragestellungen dreht und der die Frage aufwirft: Wie kann im Jahr 2021 ein Engagement gegen rassistische, antisemitische, antiziganistische Gewalt aussehen, das mehr Gruppen einbindet, das multiperspektivischer arbeitet, das nicht nur immer auf die gleiche Praxis ausgerichtet ist, nämlich eine Demonstration oder eine Mahnwache, sondern auch breiter sein kann?

Wen oder was wollen Sie mit der Veranstaltung erreichen? Erreichen Sie damit nicht nur diejenigen, die ohnehin schon aktivistisch unterwegs sind? Oder hoffen Sie, dass sie tatsächlich damit jemanden bekehren?

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Geiger: Ich glaube nicht ans Bekehren von Menschen, die rassistisch sind. Das Projekt richtet sich dennoch an eine Mehrheitsgesellschaft, auch an Menschen, die bisher noch nicht aktiv sind, die aber vielleicht in so einer Verdichtung erkennen können, dass es ein Problem ist und dass es nicht die individuellen Entscheidungen von einzelnen Tätern sind, die sich irgendwann entscheiden, zu rassistischen Mördern zu werden, sondern dass es ein Prozess ist, der in der Mitte der Gesellschaft anfängt.

Aber natürlich richtet sich das Ganze auch an ein Publikum, das schon aktiv ist und sich weiter vernetzen möchte. Das sich aber auch die Frage stellt, wie angemessen das eigene antirassistische Verhalten ist. Ist das noch zeitgemäß? Wie gehen wir zum Beispiel mit Querdenker-Demos um? Wie geht man damit um, dass es jetzt auch eine digitale Vernetzung von Rechtsextremen gibt, dass sich die Täter in Hanau und Halle ans Internet gerichtet haben? Das können und sollen Fragen sein, die in diesen zwei Tagen angerissen werden und die dann hoffentlich auch in der Folge weiter diskutiert werden.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.04.2021 | 18:00 Uhr