Stand: 01.07.2019 17:34 Uhr

Nadia Kailouli mit Hintergründen zur "Sea-Watch 3"

Die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs "Sea-Watch 3", Carola Rackete, ist Sonnabend früh auf Lampedusa festgenommen worden. Sie hatte das Schiff mit 40 Migrantinnen und Migranten an Bord ohne Einfahrgenehmigung in den Hafen der italienischen Insel gesteuert. NDR Journalistin Nadia Kailouli war mit ihrem Kollegen Jonas Schreijäg an Bord der "Sea-Watch 3" und begleitete die Rettungsaktion.

Frau Kailouli, das war ja eine ziemlich angespannte Situation: Zwei Wochen mit geflüchteten Menschen an Bord, am Ende die Verhaftung von Carola Rackete. Wie geht es Ihnen jetzt?

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Die NDR Journalistin Nadia Kailouli (l.) interviewt Carola Rackete auf der "Sea-Watch 3".

Nadia Kailouli: Uns geht es gut, mein Kollege Jonas Schreijäg und ich sind immer noch auf Lampedusa. Es war alles sehr dramatisch. Wir mussten das Schiff nach dem Anlegen innerhalb von Minuten verlassen, weil wir eben Journalisten und keine Crewmitglieder sind. Uns war bewusst, dass nach dem Anlegen des Schiffes ein Verfahren auf die Kapitänin und Sea-Watch zukommt. Deswegen war es sehr wichtig, dass wir das Schiff schnellstmöglich verlassen, damit uns die Polizei nicht als Crewmitglieder festnehmen konnte.

Was wissen Sie über den Verbleib der Geflüchteten?

Kailouli: Die haben wir gestern tatsächlich zufällig hier auf Lampedusa getroffen. Sie haben erzählt, dass es ihnen gut geht. Das Tolle war, dass sie sich direkt erkundigt haben, wie es Carola geht, also der Kapitänin von Sea-Watch. Das war sehr anrührend. Es gab auch Leute, die gesagt haben: Es tut uns so leid, dass sie unseretwegen diese Probleme hat.

Inwiefern war es bei der Nähe zu den Betroffenen an Bord möglich, der journalistischen Arbeit nachzugehen?

Kailouli: Ich denke, dass Jonas und ich, obwohl wir an Bord sehr involviert waren, es gut hinbekommen haben, sachlichen Journalismus zu machen. Was natürlich absolut nicht denkbar war: sich menschlich so kalt zu stellen, dass man nichts an sich heranlässt. Natürlich haben wir uns für die Geflüchteten interessiert, haben Interviews geführt und sind den Menschen auch näher gekommen. Das bleibt nicht aus, und das wollten wir auch. Wir wollten nach dem Interview nicht einfach zurück in unsere Kabine, sondern ein Teil dieses Lebens sein.

Das sieht man auch auf den Fotos und Videos, die Sie bei Instagram gepostet haben. Kann man sagen, dort ist ein herzlicher Kontakt entstanden?

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Kapitänin Rackete ist derzeit in Gewahrsam italienischer Behörden.

Kailouli: Ja. Man verbringt über zwei Wochen lang 24 Stunden am Tag zusammen auf einem Schiff. Und natürlich werden wir auch mit der Frage konfrontiert: Wie viel Journalismus ist das? Wie viel ist privat? Mein Instagram-Account ist mein privater Account, den ich öffentlich lege. Und ich möchte das auch transparent machen, dass ich hier nicht einfach nur mit Stift, Papier und Kamera auf diesem Schiff bin und alles andere von mir fernhalte. Ich bin am Ende des Tages ein Mensch, und ich glaube, die Menschlichkeit ist bei der Erzählweise dieser Geschichte auch wichtig. Uns ist es wichtig, dass man die Fakten liefert und die Dramatik dahinter aufzeigt. Aber am Ende des Tages sind Jonas und ich zwei junge Menschen, die dankbar um die Erfahrung sind, mit den Geflüchteten in intensive Gespräche zu gehen.

Über die Arbeit von Sea-Watch wurde in den letzten Tagen sehr viel gesprochen. Wie beurteilen Sie die Aktionen aus Deutschland, zum Beispiel die Spendenaufrufe?

Wir waren als Journalisten auf diesem Schiff, weil es eines der ersten Schiffe war, das nach langen Verhandlungen wieder aufs Mittelmeer fahren konnten, um Menschen in Seenot zu retten. 16 Tage waren wir mit den geflüchteten Menschen an Bord. Das Schiff wird betreut von ehrenamtlichen Menschen. Carola Rackete ist jetzt natürlich die Hauptfigur dieser Seenotrettungsaktion, zu Recht. Aber was man nicht vergessen darf, ist, dass da eine 22-köpfige Crew an Bord war, die sich wirklich Tag und Nacht um diese Menschen gekümmert hat. Als wir die Menschen gerettet hatten und an Tag drei immer noch keinen Hafen zum Anlaufen hatten, war die Aufmerksamkeit nicht da. Und natürlich haben wir auch Momente erlebt, wo wir uns alleingelassen gefühlt haben: Wer interessiert sich jetzt eigentlich dafür, dass hier Menschen, Geflüchtete und Crewmitglieder, mitten auf dem Meer ausharren und nicht wissen, was sie jetzt eigentlich machen können und dürfen, weil es eben neue Gesetzeslagen gibt und sich keiner verantwortlich fühlt? Und dass jetzt auf einmal so ein Riesen-Medienecho da ist und es gerade kein anderes Thema mehr gibt, sagt natürlich auch viel aus.

War die Entscheidung von Carola Rackete richtig?

Ich möchte nicht beurteilen, ob das richtig oder falsch war. Wir haben erlebt, unter welchem psychischen Stress sowohl die Geflüchteten als auch die Crew stand. Es wurden über Tage hinweg Notrufe ausgesprochen: "Wir haben Menschen an Bord und müssen sie an Land bringen." Wir haben alle nicht geschlafen. Wir haben Carola natürlich auch für ihre Klarheit bewundert, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst ist gegenüber der Crew, der Rettungsorganisation Sea-Watch und den geflüchteten Menschen.

Als wir in den Hafen gefahren sind, hat die komplette Besatzung 28 Stunden nicht geschlafen. Da eine Entscheidung zu fällen, die entweder richtig oder falsch ist, ist schwer zu beurteilen. Am Ende hat sie diese Entscheidung getroffen. Aber wir können aus journalistischer Sicht bestätigen, unter welcher psychischen Belastung alle in dieser Situation standen.

Das Inerview führte Petra Rieß.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 01.07.2019 | 18:20 Uhr

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