Das Wort "Lockdown" mit Buchstaben auf einem Mundschutz © picture alliance / Eibner-Pressefoto Foto: Fleig

"Lockdown" ist der Anglizismus des Jahres 2020

Stand: 03.02.2021 16:30 Uhr

Die Jury der unabhängigen Initiative "Anglizismus des Jahres" hat sich für das Wort "Lockdown" entschieden. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Jury, dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

Herr Stefanowitsch, Sie haben sich für ein Wort entschieden, von dem viele sagen, dass sie es nicht mehr hören könnten. Mögen Sie trotzdem eine Laudatio auf "Lockdown" halten?

Anatol Stefanowitsch: Wir müssten uns mal überlegen, was wäre, wenn wir dieses Wort nicht hätten. Die Situation wäre genau so frustrierend. Wir hätten bloß keinen klaren, knackigen Begriff, auf den wir diese ganze Situation - sowohl die Maßnahmen als auch unser Erleben der Maßnahmen - herunter brechen könnten. Wenn gesellschaftliche Umwälzungen geschehen, dann ist unser Wortschatz darauf nicht vorbereitet, und dann leihen wir uns häufig Wörter von anderen Sprachen, die bereits Begriffe gefunden haben. So war es auch hier. Insofern würde ich sagen, dass der Lockdown selber keine Bereicherung unserer Kultur oder unserer Erfahrungen ist, aber das Wort "Lockdown" ist doch sehr wichtig, um darüber reden zu können.

Schon beim ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr ist bemängelt worden, dass der Begriff "Lockdown" die in Deutschland geltenden Kontaktbeschränkungen gar nicht wirklich treffen würde. Ist es trotzdem ein auszeichnungswürdiger Anglizismus des Jahres?

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Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

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Stefanowitsch: In der ursprünglichen Wortbedeutung aus den 70er-Jahren beschränkt sich das Wort auf Situationen, wo in gefängnisartigen Institutionen ein Lockdown verhängt wird und alle Häftlinge in ihre Zellen eingeschlossen werden, zum Beispiel, weil es einen Aufstand oder einen Ausbruchsversuch gab, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Aber schon in den 80er-Jahren gibt es eine Ausweitung auf Situationen, wo ganze Gebiete zum Beispiel zum Schutze der Leute, die dort wohnen, unter Lockdown gestellt werden. Schon dort sieht man, dass diese Ausgangssperren nicht absolut sind, weil man Menschen nicht wie Häftlinge in ihre Häuser einsperren kann. Die Einschränkung der Bewegung muss also nicht mehr so stark sein, damit man noch von einem Lockdown spricht.

Im Zuge der Pandemie hat sich die Bedeutung in den englischsprachigen Ländern noch einmal erweitert: Lockdown bezeichnet auch Maßnahmen, bei denen unsere Bewegungsfreiheit nur eingeschränkt ist, aber nicht komplett verhindert wird. Insofern hat der Begriff eine gewisse Dehnbarkeit im Englischen, und diese erweiterte Bedeutung haben wir ins Deutsche entlehnt. Das Deutsche hat dieses Wort schnell aufgenommen und hat dann Wortverbindungen geschaffen wie "harter" und "weicher Lockdown". Es gab auch lustige Wortschöpfungen, wie zum Beispiel "Salami-Lockdown", bei dem jede Woche eine kleine Maßnahme hinzukommt, oder "Jojo-Lockdown" bei dem mal härter, mal weniger hart "gelockdownt" wird. Auch das Verb "lockdownen" findet sich in den Daten. Insofern haben wir auch mit diesem Begriff die Möglichkeit zur Bedeutungsdifferenzierung.

Im Zusammenhang mit Corona wimmelt es in der deutschen Sprache von englischen Begriffen: Social Distancing, Superspreader, Homeoffice, Homeschooling oder Shutdown. Diese Begriffe landeten bei Ihnen gleichberechtigt auf Platz zwei. Warum erhalten diese Anglizismen bei uns den Vorzug? Das könnte man doch alles auf Deutsch ausdrücken, oder?

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Stefanowitsch: So ist es häufig auch. Das Entlehnen von Wörtern ist häufig nur eine Kurzzeitstrategie: Es taucht eine Lücke in unserem Wortschatz auf, weil etwas Neues passiert, was wir bisher noch nicht kannten. Wenn eine andere Sprache, und das ist im Zeitalter der Globalisierung häufig die englische, bereits ein Wort hat, bietet sich das erstmal an, dieses Wort zu nehmen und diese Lücke zu stopfen. Das heißt aber nicht, dass die Sprache an der Stelle stehen bleibt, sondern häufig tauchen dann alternative Wortbildungen auf, die aus bereits vorhandenen Mitteln der deutschen Sprache zusammengesetzt werden. Es kann auch passieren, zum Beispiel bei "Social Distancing", dass das Lehnwort seinen Zweck schnell erfüllt hat, wieder ein bisschen in der Versenkung verschwindet und durch deutsche Begriffe wie "Kontaktbeschränkungen", "Kontakteinschränkungen", "Abstand halten" ersetzt wird. Das Wort "Social Distancing" haben wir in der zweiten Jahreshälfte im öffentlichen Sprachgebrauch kaum noch nachgewiesen, obwohl es am Anfang so wichtig war, um uns erstmal verständlich zu machen, was da von uns erwartet wird. Entlehnung ist auch kein Zeichen dafür, dass eine Sprache selber keine eigene Schöpfungskraft mehr besitzt. Entlehnung ist eine ganz profane Strategie, um in dem Moment, wo das Problem auftaucht, gleich eine Lösung zu haben.

Seit zehn Jahren zeichnen Sie den Anglizismus des Jahres aus. Für etliche Ihrer sprachwissenschaftlichen Fachkollegen und Puristen sind Anglizismen so etwas wie eine "Verunreinigung" der deutschen Sprache. Sie sehen darin einen "positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung der deutschen Sprache". Ist das nicht eher Verdrängung? Worin liegt das Positive?

Stefanowitsch: Entlehnungen gibt es zu jeder Zeit, in jeder dokumentierten Sprache. Wir kennen keine Sprache, die nicht Lehnwörter aus den benachbarten Sprachen aufgenommen hätte. Das geht von ganz großen Sprachen mit einer großen Schriftkultur bist zu ganz kleinen Sprachen, bis zu mündlichen Dialekten. Es gibt keine Sprache ohne Entlehnung. Verdrängung kann man aber nirgends beobachten. Selbst wenn Wörter entlehnt werden, für die es ähnliche deutsche Begriffe gibt, sieht man normalerweise eine Bedeutungsausdifferenzierung.

Wenn es eine Sprache gibt, die exzessiv aus anderen Sprachen entlehnt hat, dann ist es das Englische, über das sich jetzt alle so ärgern. Das hat aus den skandinavischen Sprachen, aus dem Lateinischen und massiv aus dem Französischen entlehnt und besteht im Kernwortschatz nur noch zu einem ganz kleinen Teil aus dem eigenen ererbten Wortschatz. Und trotzdem ist das Englische vom Wortschatz her eine der umfassendsten, ausdrucksstärksten Sprachen, die wir unter den großen Schriftsprachen haben. Man sieht also gerade an dieser vitalen Sprache Englisch, wie positiv es sein kann, nicht nur das Eigene zu kreieren, sondern sich auch das Beste aus anderen Sprachen dazu zu nehmen. Insofern würde ich sagen, dass Entlehnung grundsätzlich potenziell bereichernd ist.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.02.2021 | 18:00 Uhr