Stand: 07.08.2019 08:27 Uhr

Lieder aus dem Sozialismus

von Torben Steenbuck

Was verbinden Sie mit der DDR? Trabi und Freikörperkultur? Oder eher Überwachung und Unrechtsstaat? Beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg wird zum ersten Mal das Stück "Wir treiben die Liebe auf die Weide" aufgeführt. Ein Konzert, angereichert mit dokumentarischem Material und Texten. Es soll um die Musik in der DDR gehen - aber nicht auf eine rein kritische Weise und auch nicht auf eine geschichtsvergessene ostalgische, sondern irgendwo dazwischen.

Kampnagel: "Wir treiben die Liebe auf die Weide"

Kampnagel, K1, großer Saal. Von oben leuchten die Halogenlampen des Arbeitslichts. In der Mitte des Raums eine Bühne, rund wie eine Schallplatte, überspannt von zwei silbernen Bögen, an denen eine große Discokugel hängt. Generalprobe für das Stück "Wir treiben die Liebe auf die Weide".

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Das Team hinter "Wir treiben die Liebe auf die Weide": Lea Connert, Carsten "Erobique" Meyer und Paul Pötsch.

Noch wuseln Musiker in bunten Outfits durch den ganzen Saal. Einer von ihnen ist Carsten Meyer, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Erobique. Er trägt eine knallgelbe Latzhose und beobachtet die Bühne. Meyer ist einer der Ideengeber für den DDR-Konzertabend. Entstanden ist die Idee bei einem Besuch von Erobiques Musikerfreund Paul Pötsch und einem sehr großen Zufall, erzählt Meyer: "Als er mich vor zwei Jahren in Zürich besucht hat, als ich mit Jaques Palminger einen italienischen Liederabend gemacht habe, haben wir eine Radtour um den Zürichsee gemacht und kamen an einem Pappkarton vorbei, haben angehalten, haben geahnt, dass da Schallplatten drin sind und es war ein kompletter Satz Amiga-Schallplatten mit Reinhard Lakomi, Angelika Mann, Veronika Fischer und das war dann so ein Zeichen, dass wir auf jeden Fall diesen Abend machen müssen."

Das musikalische Erbe der DDR neu entdecken

16 Songs aus der DDR, angesiedelt zwischen Schlager, Jazz, Soul, aber auch Afrobeat und Funk. Die Besucher sollen tanzen. Neben der Bühne steht eine große Leinwand, auf der Videos und Bilder gezeigt werden. Für Gitarrist Paul Pötsch geht es bei dem Abend vor allem um die Poesie, aber auch darum "die Leute ein ganz bisschen so soft über die Umstände, unter denen diese Musik entstanden ist, unter denen die komponiert wurde, zu informieren. Da sind sehr viele tanzbare, sehr viele fröhliche Songs dabei. Man wundert sich, weil das nicht das trifft, was man von dem stereotypen Bild der DDR kennt. Und wir wollen diesen positiven Vibe, diese unterdrückte Sehnsucht, diese unterdrückte Liebe rauskitzeln aus der Musik."

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Für das Stück haben Erobique und Paul Pötsch viele Biografien von DDR-Künstlern gelesen. Paul hat dabei aber auch auf seine eigene Biografie geguckt: "Meine Eltern waren früher in der Tramperszene, da hat man vor allem Blues gehört. Blues war in der DDR bis zum Mauerfall eine total lebendige Subkultur. Das war so ein bisschen eine Imitierung der 68er-Bewegung, mit den entsprechenden Idealen. Da wurde teilweise freie Liebe erprobt, gewisse antiautoritäre Strukturen."

Rhythmisch, bunt und fröhlich

Bis er 14 war, lebte Pötsch in Brandenburg. Heute steht er, komplett in Rot gekleidet, neben seinem Musikerkollegen Erobique auf der runden Bühne und stimmt seine Gitarre. Der Soundcheck zieht sich, aber schließlich ist alles eingerichtet und die neunköpfige Band groovt los.

Die Gruppe um Erobique und Pötsch erheben bei ihrem Konzertabend weder einen Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf historische Präzision. Aber "Wir treiben die Liebe auf die Weide" wird sicher eine der rhythmischsten, buntesten und fröhlichsten Produktionen des Internationalen Sommerfestivals.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 07.08.2019 | 09:20 Uhr

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