Umweltblogger Jörn-Peter Boll sitzt auf einem Sofa und zeigt sein Buch. © NDR Foto: Anina Pommerenke

"Leben im Lockdown": Vom Musiker zum Umweltblogger

Stand: 06.02.2021 06:00 Uhr

Der in Hamburg lebende Musiker Jörn-Peter Boll hat seit einem Jahr so gut wie gar keine Bühne mehr gesehen und startet seither als Umweltblogger durch.

Umweltblogger Jörn-Peter Boll sitzt auf einem Sofa und zeigt sein Buch. © NDR Foto: Anina Pommerenke
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von Anina Pommerenke

Am Fuße des Hamburger Michels hat Jörn-Peter Boll sich in einem Gemeinschaftsbüro einen Schreibtisch gemietet. Durch hohe helle Fenster schaut man auf eine kleine Kopfsteinpflasterstraße mit vielen Altbauhäusern. Innen: dunkle Holzdielen. An den Wänden: Arbeiten der kreativen Mitmieter. Von hier aus arbeitet Boll unter dem Pseudonym "Captain Futura" an Grafiken mit politischen Botschaften. Er habe immer noch die geheime Hoffnung, dass Menschen lernfähig sind. Man müsse den Leuten die richtigen Fakten so präsentieren, dass es Spaß macht, sagt er: "Also nicht der erhobene Zeigefinger, sondern eher so: Lass uns gemeinsam besser werden. Und dafür versuche ich Daten in coole Grafiken zu packen. Weil manchmal eine Grafik mehr sagt als hundert Worte."

Studierter Umweltwissenschaftler entwickelt Grafiken

Umweltblogger Jörn-Peter Boll schaut auf den Bildschirm seines Computers © NDR Foto: Anina Pommerenke
Am Bildschirm tüftelt Jörn-Peter Boll alias Captain Futura an den neuesten Grafiken.

Von zwei bis drei Konzerten die Woche blieben dem hauptberuflichen Musiker im vergangenen Jahr zwei bis drei Konzerte über den gesamten Sommer. So hatte der studierte Umweltwissenschaftler viel Zeit für seine zweite Leidenschaft. Besonders erfolgreich war etwa eine Grafik zum Thema "Flatten the curve" - ein Satz der wie kein anderer für die strategischen Ziele der Pandemie-Bekämpfung steht. Boll erinnert daran, dass es noch eine weitere Kurve gibt, die dringend abgeflacht werden muss: "Die CO2-Emissionen, die Gifte, der Müll sind im Grunde exponentiell angestiegen wie Corona. Und das müssen wir jetzt dringend absenken, um katastraphole Events zu vermeiden. Wir sehen ja schon, dass der Klimawandel zunehmend außer Kontrolle gerät. Und das einzige, was wir machen können, ist sofort aktiv zu werden und das runter fahren, und eben diese Kurve abflachen."

 Sogar die Europäische Union teilt seinen Inhalt

In einem Koordinatensystem hat Boll zwei Kurven eingezeichnet: Eine rote, stark angestiegene Kurve steht für das Wirtschaften wie bisher. Eine grüne, deutlich flachere Kurve steht für nachhaltiges Wirtschaften. Getrennt wird das Modell von einem Strich, der die Kapazitäten der Erde symbolisiert. Auch wenn die Darstellung idealtypisch ist, kommt die Botschaft unmissverständlich rüber. Über 3.300 Nutzer allein auf der Plattform Facebook haben das geteilt. Auch die Europäische Union, erzählt er lachend: "Sie haben ja den New Green Deal, und da haben sie einen Twitter-Account. Für die hab ichs dann auch auf Englisch übersetzt."

Aus einem Hobby-Projekt hat Boll sich über Jahre hinweg ein zweites Standbein aufgebaut. Mittlerweile postet er ein bis zwei Grafiken am Tag. Und bekommt mehr und mehr Aufmerksamkeit: Finanziert wird er zum einen über die Plattform Patreon. Dort können Menschen die Arbeit von Künstlern und Kreativen mit einem regelmäßigen Beitrag unterstützen. Außerdem hat er im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Münchner YES-Verlag das Buch "Grafiken für eine bessere Welt" geschrieben.

Infos zum Buch

"Grafiken für eine bessere Welt"
von Captain Futura
YES-Verlag
14,99 Euro
erschienen am 10. November 2020

ISBN: 978-3969050170

Digital-Trend verhalf auch ihm zu mehr Followern

Gerade durch die Corona-Krise habe er noch einmal deutlich mehr Follower bekommen, sagt Boll: "Weil den Leuten aufgefallen ist: Das Digitale ist jetzt ein Wert geworden. Man hat sonst keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr, weil man dieses persönliche nicht mehr so hat." Doch gerade auf den Austausch mit anderen Menschen, möchte Boll langfristig nicht verzichten. Er hofft daher, dass er in Zukunft das beste aus beiden Arbeitswelten miteinander verbinden kann: "Das ist mein Traum, dass ich einerseits sagen kann, ich arbeite mich in immer neue Themen ein, mache darüber am Ende coole Grafiken und die gehen raus in die Welt und dann passiert damit irgendwas Cooles. Und auf der anderen Seite mache ich Musik und begeistere Menschen, habe menschliche Begegnungen mit der Musik."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.02.2021 | 07:20 Uhr