Stand: 23.02.2020 09:32 Uhr  - NDR Kultur

Kafkas "Schloss" im Schauspielhaus: Großes Theater

von Katja Weise

Der ungarische Regisseur Viktor Bodo hat Franz Kafkas "Das Schloss" im Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Herausgekommen ist faszinierendes Theater mit einem wunderbaren Ensemble.

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Regisseur Viktor Bodo entwirft in seiner Bühneninszenierung von Kafkas "Das Schloss" eine surreale Welt.

Ist es ein Gefängnis, ein Labyrinth, eine Bohrinsel? Das stählerne Gerüst mit seinen vielen Auf- und Abgängen, grell leuchtenden Laternen und Rohren, weckt viele Assoziationen. 

Ein Mann betritt die Szene. Nach den ersten Dialogen wird klar: Das Setting ist eine Baustelle - auf der, das macht der Bauleiter deutlich, der Mann, genauer: der Landvermesser K., nicht gebraucht wird. Irritiert bitter er, bei seinem Auftraggeber im Schloss nachzufragen.

Wie in einem schlechten Traum

Schon in diesen ersten Minuten gelingt es dem Regisseur Viktor Bodo, eine surreale Welt zu entwerfen, in der sich K. - noch ist sein Auftreten frisch und beinahe selbstbewusst - verirren muss. Die merkwürdigen Antworten und Gebaren der Menschen, deren Erscheinungsbild leicht verrutscht wirkt - wirre Haare, gebückter Gang - scheint er wegwischen zu wollen wie in einem einen schlechten Traum.

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Carlo Ljubek (l.) spielt K., der zunehmend die Orientierung verliert.

Aber K. bleibt der Fremde in einer Welt, die keine Eindringlinge duldet. Viktor Bodo gibt sich allerdings nicht mit diesem einen Interpretationsansatz zufrieden. K. könnte auch gefangen sein in einem Albtraum, so grotesk sind die Situationen, in die er gerät. Ein Sicherungskasten wird zum Musikinstrument (Schlagzeug), ein Federball schwankt an einer langen Stange befestigt zwischen den Spielern hin und her anstatt zu fliegen.

Reminiszenz an Stummfilm

Bodo arbeitet viel mit Projektionen, die nicht von ungefähr an den expressionistischen Stummfilm der 1920er Jahre erinnern, jener Zeit also, in der Kafkas Romanfragment herauskam. Dann erscheint die Bühneninstallation wie ein Schattenriss auf einer durchsichtigen Leinwand, Menschen hasten treppauf und -ab, dazu Live-Musik, von einem Quartett gespielt.

K. verliert zunehmend die Orientierung, die Verantwortlichen sind nicht aufzufinden. Die Baustelle ist ein Labyrinth, ein Gefängnis, in dem jeder jederzeit unter Beobachtung steht.

Viktor Bodo hat ein fabelhaftes Gespür für das Groteske in dem angsteinflößenden Kafka-Universum. Und immer, wenn man fürchtet, es könnte albern werden, kriegt er die Kurve. Er verweigert sich klaren Deutungen, verweist auf "Die Verwandlung" und den "Prozess", lässt am Schluss Schlösser von oben herabbaumeln, zu denen K. den richtigen Schlüssel finden soll.

Großes Theater

"Das Schloss" in der Bühnenfassung von Viktor Bodo ist großes Theater und tolles Kino. Da stimmt einfach alles: Bühnenbild, Musik, Effekte und die Besetzung. Ein wunderbares Ensemble agiert mit Energie und Spaß an der Verwandlung - mittendrin Carlo Ljubek, der zeigt, wie ein Mensch sich verlieren kann. Unbedingt anschauen.

Kafkas "Schloss" im Schauspielhaus: Großes Theater

Der ungarische Regisseur Viktor Bodo hat Franz Kafkas "Das Schloss" im Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Herausgekommen ist faszinierendes Theater mit einem wunderbaren Ensemble.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Telefon:
(040) 24 87 13
Preis:
11,00 Euro - 53,00 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 23.02.2020 | 06:00 Uhr

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