Jürgen Tessmann mit einem Nussknacker im Fundus der Staatsoper Hamburg © NDR Foto: Annette Matz

Jürgen Tessmann: Requisitenmeister beim Hamburg Ballett

Stand: 02.04.2021 12:25 Uhr

Jürgen Tessmann ist seit 40 Jahren an der Hamburgischen Staatsoper beschäftigt und davon seit über 20 Jahren als Requisitenmeister beim Hamburg Ballett. Ein Besuch bei ihm unter der Staatsopernbühne.

von Annette Matz

Schätze aus dem Fundus des Balletts und der Bühne der Staatsoper Hamburg © NDR Foto: Annette Matz
Unzählige Requisiten lagern auf Transportwagen im Keller der Hamburgischen Staatsoper.

Im Requisitenlager herrscht wenig Romantik: Klaviere und Särge sind in die Ecken geschoben, mit praktischen Anweisungen versehen: "Klavier schwer, Klavier leicht". Blaue, vergitterte Transportwagen, die Corletten, beherbergen die riesigen Blumensträuße aus dem Sommernachtstraum.

Jürgen Tessmann ist ein freundlicher Mann, er macht gern, was er hier tut, das sieht man an dem ständigen Lächeln auf seinen Lippen. Auch wenn die Bühne zur Zeit nicht bespielt wird, ist er beschäftigt: "Wir sind jetzt gerade im Lockdown, das heißt, wir haben sehr viele Sortierungsarbeiten. Es werden viele Requisiten fotografiert. Wir haben Dateien, wo wir die Sachen dann digital lagern."

Requisiten aus berühmten Aufführungen an der Staatsoper Hamburg

Schätze aus dem Fundus des Balletts und der Bühne der Staatsoper Hamburg © NDR Foto: Annette Matz
Die Drehorgel aus dem "Sommernachtstraum" ist schon auf vielen Bühnen herumgekommen.

Regalreihen sind gefüllt mit Koffern und Körben, Geschenkpapierrollen, Tabletts mit Gläsern. Dazwischen die lila Stühle aus Bernsteins "Dances" und die Drehorgel aus dem "Sommernachtstraum",  die seit Anfang der 80er-Jahre von Generationen von Tänzern auf die Bühnen der Welt gefahren wurde. Zähle man jedes Glas und jede Feder dazu, seien sicher eine Million Teile hier unten im Keller.

"Herr Neumeier hat sehr viele Ballette, die im Moment nicht spielen, aber die eingelagert werden müssen", erzählt Jürgen Tessmann. "Und die müssen dann natürlich wiedergefunden werden. Und das ist eine meiner Aufgaben."

Suchen und Finden für die Inszenierungen von John Neumeier

Besonders das Finden gehört zu seinen Aufgaben. Und da sei nichts unmöglich. Dafür ist Jürgen Tessmann genau genommen eigentlich immer im Dienst. Das Grammophon für "Die Glasmenagerie" hat er bei einem Sonntagsbummel über den Flohmarkt in den Colonnaden gefunden, der Deckchair für das Nijinsky Ballett stand bei ihm im Garten.

Für den Trecker auf der Bühne bei "Anna Karenina" ist er in seine Kindheit gereist. Jürgen Tessmann ist auf dem Land aufgewachsen und wusste genau, wo er solche Landmaschinen suchen muss. "Ich tue dann alles, damit er einen Trecker bekommt", sagt Jürgen Tessmann. "Ich habe dann recherchiert, wie groß er sein muss, wie schwer er sein darf und ob man ihn auch bewegen kann. Denn er wird ja nicht von mir gefahren, sondern von den Balletttänzerinnen."

Großer Respekt gegenüber John Neumeier plus gesunde Distanz

Schätze aus dem Fundus des Balletts und der Bühne der Staatsoper Hamburg © NDR Foto: Annette Matz
Den richtigen Koffer aufzutreiben, gehört noch zu den leichteren Aufgaben von Jürgen Tessmann.

Der Trecker musste natürlich für die Bühne umgebaut werden: Der Motor musste raus, jetzt fährt er elektronisch und maximal fünf Stundenkilometer und hat einen Not-Aus-Knopf. John Neumeier habe immer sehr genaue Vorstellungen von dem, was er für seine Stücke braucht. Aber wenn man so lange für jemanden arbeite, bekomme man ein Gespür dafür, was geht und was nicht geht:

"Er ist jemand, vor dem ich großen Respekt habe", sagt Jürgen Tessmann. "Es ist für mich immer schon wichtig gewesen, eine gesunde Distanz zu halten, eine höfliche, gesunde Distanz. Und damit kommt man eigentlich immer ganz gut zurecht."

Jede Anfrage für Jürgen Tessmann ist irgendwie machbar

Auch als diese Anfrage kam: "Kannst du mal recherchieren, was die größtmögliche Spielzeugeisenbahn ist, die man auf der Bühne benutzen kann?" Natürlich hat er sie gefunden: Eine große Bahn für den Garten, allein die Lok wiegt 20 Kilo. In der Bibliothek des Ballettzentrums sollte er sie für John Neumeier aufbauen.

Jürgen Tessman inmitten der Blumen aus dem "Sommernachtstraum" im Fundus der Bühne der Staatsoper Hamburg © Ulrich Ruckdeschel
Jürgen Tessman inmitten der Blumen aus dem "Sommernachtstraum" im Fundus der Staatsoper Hamburg.

"Dann hat er sich dort mit einer Stoppuhr auf seinem Handy und der Partitur auf den Stuhl gesetzt und ich habe dann diese Eisenbahn gefahren", erzählt Jürgen Tessmann. "Und er wusste genau, was er wollte. Er hat es genau ausgetimed - musikalisch festgelegt, wann diese Bahn fuhr. Das war ein ganz naher Moment für mich."

Und auch wenn Jürgen Tessmann manchmal literweise Tee trinken muss, um sein Ziel zu erreichen, wenn er immer wieder bei einem Teppichhändler nach dem richtigen Kelim Ausschau hält. Oder vier Stunden Kaffee trinkt, um Entscheidendes über den Hammerflügel aus dem 19. Jahrhundert zu erfahren, der in Neumeiers Beethoven-Projekt auf der Bühne stehen soll. Seitdem Tessmann 19 war, ist er an der Staatsoper und jetzt hat er gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert. Er hofft, dass das Suchen und Finden für ihn noch viele Jahre weitergeht.

Weitere Informationen
Choreograph John Neumeier (Mitte) verbeugt sich mit seinem Ballett-Ensemble an der Staatsoper Hamburg nach der Uraufführung von "Ghost Light" © NDR Foto: Annette Matz

Kulturpartner: Hamburg Ballett John Neumeier

Weltweite Gastspiele machen das Hamburg Ballett John Neumeier zu einem festen Bestandteil der internationalen Ballettszene. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 30.03.2021 | 19:00 Uhr