Stand: 02.08.2019 14:55 Uhr

Inklusion: Wie barrierefrei ist Kampnagel?

von Peter Helling

Theater für Menschen mit Behinderung: Manch einer ohne Behinderung schaltet da ab, frei nach dem Motto: Geht mich nichts an. Die Kulturfabrik Kampnagel geht einen anderen Weg. Theater soll für alle da sein - auf und vor der Bühne. Es soll einfach kein Thema mehr sein, ob ein Stück mit oder ohne Behinderung angesehen werden kann. Jeder ist willkommen. Erst vergangenes Jahr hat die Kulturfabrik Kampnagel den zweiten Senator-Baumann-Preis für seine inklusive Arbeit erhalten. Schon seit 2007 bemüht sich das Haus um das Thema. Aber auch Kampnagel, das Haus, das inzwischen Vorreiter für diverses Theater ist, will noch mehr.

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Festivalleiter Andras Siebold machte vergangenes Jahr den Selbstversuch im Rollstuhl.

Nur noch wenige Tage bis zur Eröffnung des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg. Ein Highlight jedes Jahr: der Festivalgarten. Das Problem: der ausgelegte Mulch-Boden war für Menschen im Rollstuhl nicht befahrbar; und zwar jahrelang - bis Kampnagel-Besucherin Kerstin Hagemann ein Projekt initiierte. Sie ließ Festivalleiter Andras Siebold vergangenes Jahr in ihrem Rollstuhl Platz nehmen. Siebolds Selbstversuch hat gezeigt: Nein, der Boden ist ein No-Go. Claire Diraison aus der Abteilung Kommunikation freut sich über offene Kritik: "Den Frust aus der betroffenen Ecke, den kriegt man bei jedem Treffen, und das tut gut."

Alle sollen von Inklusion profitieren

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Der Mulchboden im Festivalgarten 2018 war für Rollstuhlfahrer nicht befahrbar.

Und sofort hat Kampnagel den Boden komplett neu konzipiert. Man spürt es: Alle Mitarbeiter ziehen an einem Strang, in einigen Jahren ein voll inklusives Theater zu werden. "Inklusion soll nicht Inklusion sein, das soll Design für alle sein, von dem alle profitieren, dass es eine Veränderung gibt", sagt Claire Diraiso. Auch Intendantin Amelie Deuflhard fasst den Begriff Inklusion weiter: "Das hat einfach etwas mit der Öffnung der Gesellschaft zu tun. Das heißt auch, wir verbünden uns, wir vernetzen uns und bewegen uns damit immer mehr auch in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche rein."

Die Politik soll helfen

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Intendantin Amelie Deufelhard wünscht sich Unterstützung der Politik.

Erst vergangenes Jahr hat Kampnagel einen Preis erhalten für seine inklusive Arbeit, aber es bleibe noch viel zu tun. Kerstin Hagemann findet das vorbildlich, warnt aber auch: Manches Projekt für Behinderte werde schnell zum Modethema - und damit schnell vergessen. Auch Fides Breuer ist ein Mensch mit Behinderung. Nur: Man sieht sie nicht. "Das ist genau das Problem. Ich bin schwerhörig. Wir tragen Hörgeräte oder CIs [Cochlea Implantate, Anm. d. Red.], und da sind die Haare drüber", sagt Breuer. Für sie gibt es bei der Anpassung an das Theater für Schwerhörige noch viel Luft nach oben. "Ich bin noch nicht zufrieden. Mit meiner Behinderung muss ich hier noch ein bisschen zurückschrauben." Intendantin Deufelhard zeigt Verständnis und verspricht Besserung: "Wir arbeiten daran kontinuierlich, aber es ist natürlich sehr aufwendig, wie zum Beispiel die Audiodeskription." Diese "Live-Beschreibung" am Theaterabend sei unglaublich teuer, wie die Intendantin unterstreicht: Daher wolle sie parallel an Förderprogrammen arbeiten - auch mithilfe der Politik.

Inklusion auch auf der Bühne

Und Behinderung auf der Bühne? Kampnagel ist wichtig, dass es bei Inklusion nicht nur um Barrierefreiheit gehe, also um einen Service, sondern um einen ganz neuen Blick auf Menschen mit Behinderung: "Der Zuschauer ist am Anfang natürlich irritiert, von einer Tänzerin mit Down Syndrom oder im Rollstuhl, ohne Beine, aber da kommt es zu ganz anderen Bewegungen, das ist interessant", sagt Deufelhard. Wichtig sei es, Behinderung sichtbar zu machen - auf und vor der Bühne, sowie Teilhabe ermöglichen, Räume des Miteinanders zu fördern. Fides Breuer klingt da noch etwas verhalten: "Wir müssen noch viel mehr in die Öffentlichkeit kommen, dass Leute wissen, worum es überhaupt geht. Wir sind manchmal auch ganz schüchterne Menschen, sagen nichts und nehmen es einfach hin. Wir gehen dann raus und sagen: 'Hab wieder nichts verstanden'." Kerstin Hagemann wirkt optimistischer: "Das wird automatisch immer besser und noch diverser. Geld soll es auch geben, was Kampnagel nicht selbst auftreiben muss, sondern von öffentlichen Stellen kommt. Dann bin ich schon froh. Ich freue mich jetzt erst mal auf das Sommerfestival."

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel beginnt am Mittwoch, den 7. August. Wer sich ganz persönlich einen Eindruck machen möchte, wie behindertengerecht und wie gelungen etwa der Festivalgarten ist, kann es zweieinhalb Wochen lang testen: Das Festival geht noch bis 25. August.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 01.08.2019 | 19:00 Uhr

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