Stand: 03.09.2018 18:29 Uhr

Chemnitz: "Kein ostdeutsches Problem"

Die Musikbands Die Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub, dazu die Rapper Marteria und Casper und viele mehr geben unter dem Motto "Wir sind mehr" ein gemeinschaftliches Konzert in Chemnitz. Sie reagieren damit auf die jüngsten rechtsextremen Ausschreitungen dort. Aber was bringt das eigentlich - außer vielleicht einem schönen Konzertabend? Fragen an Hans Vorländer, Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden.

Herr Prof. Vorländer, kann ein Konzert wie das heutige mehr sein als Symbolpolitik?

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Hans Vorländer hält die rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz nicht für ein ostdeutsches Problem.

Hans Vorländer: Nein, das ist Symbolpolitik, aber Symbole sind ja wichtig. Es wird ein Zeichen gesetzt, und wenn viele kommen, dann werden sie mobilisiert. Ich glaube, das ist in der Situation richtig und wichtig - aber es ist nicht die Lösung des Problems.

Aber wem wird da etwas signalisiert? Womöglich nur sich selber, indem man sich verständigt: "Wir sind mehr"?

Vorländer: Ja, aber das ist sehr wichtig. Die Chemnitzer sind ja gänzlich verunsichert, sie wissen nicht mehr, wer in der Stadt das Sagen hat. Laut waren die Rechtsextremen, die Hooligans und diejenigen, die sich darauf eingelassen haben, mit denen zu marschieren. Dann war die Polizei da, dann waren die Antifa da. Das heißt, ihnen ist ein bisschen die Stadt aus der Hand genommen worden, und deshalb ist das ein Versuch, sich selbst zu vergewissern und auch sich selbst wieder der Stadt zu bemächtigen. Ob das damit alleine getan ist, wage ich zu bezweifeln. Dazu bedarf es sehr viel mehr. Ein Konzert ist auch immer ein Event und zieht viele Leute an, vor allen Dingen, wenn das so prominent besetzt ist. Insofern muss nach dem Event die Arbeit weitergehen, und das ist mühsam.

Nun haben sich über das Wochenende aus dem ganzen Bundesgebiet Tausende angesagt. Geht es aber nicht eigentlich um die Menschen vor Ort?

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Vorländer: Ja, es geht eigentlich um die Menschen vor Ort, aber so ist das immer in solchen Situationen. Es geht eigentlich um Chemnitz, aber es geht hier auch noch um etwas anderes: Es geht um die Macht auf der Straße. Das ist der Kampf zwischen Rechtsextremen auf der einen Seite und Antifa auf der anderen Seite um die Vorherrschaft und die Deutung solcher Vorgänge, wie sie in Chemnitz Anlass gewesen sind für diese Demonstrationen. Hier geht es also um sehr viel mehr, und deshalb kommen Leute von außen - was für die Stadt nicht immer gut ist, weil sie sich dann wieder bevormundet fühlt von denen, die von außen kommen. Aber wir haben eine ähnliche Entwicklung auch mal in Dresden gehabt, um den 13. Februar, den Gedenktag der Zerstörung Dresdens, dann auch um Pegida. Die Zivilgesellschaft, soweit sie sich in der Mehrheit sieht, muss sich auf die Dauer gesehen Chemnitz wieder aneignen, muss klarmachen, dass sie die Mehrheit ist.

Ist das ein Chemnitzer, ein sächsisches, ein ostdeutsches Problem? Zumindest ist das in der Berichterstattung fast immer darauf reduziert worden, und immer wieder ist auch dieser komische Begriff "Dunkeldeutschland" abwertend vom Westen in Richtung Osten gesagt worden. Sie sind als Demokratieforscher in Dresden tätig - wie schätzen Sie das ein?

Vorländer: Nein, das ist kein ostdeutsches Problem. Wir haben so etwas auch in Westdeutschland gehabt, Aufmärsche von Hooligans gegen Salafisten im Kölner Raum. Wir haben auch dort Pegida-Ableger gehabt, wir haben auch dort Nazis, die umherlaufen. Das ist also nicht ein ostdeutsches Problem, aber Ostdeutschland ist besonders verunsichert. Es sind gerade mal 29 Jahre nach der Wende, nach der friedlichen Revolution, und wir haben hier noch nicht so gefestigte Strukturen, die Parteien sind nicht so stark, sondern sie sind etwas labil, auch in der Ansprache, in der Identifikation von den Bürgern. Es gibt nicht diese starken zivilgesellschaftlichen Prägungen. Das nutzen gerade rechtsextreme Gruppierung sehr stark aus, auch mit starker organisatorischer und administrativer Unterstützung aus dem Westen. Das war in Sachsen auch so, wo viele Funktionäre von der NPD dahin gekommen sind. Wir haben hier ein Experimentierfeld Ostdeutschland, und hier wird etwas ausprobiert, was genauso auch in Westdeutschland passieren könnte. Ostdeutschland ist im Augenblick nur das Territorium, wo etwas ausprobiert wird, und deshalb ist es so wichtig, dass sich die demokratischen Kräfte stark machen und dagegen wehren.

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Zumal in den vergangenen Tagen auch die Kritik aufkam, dass die Mitte der Gesellschaft genauso versagt habe, weil sie ein bisschen das Problembewusstsein für soziale Differenzen verloren hätte und sich selbst genügt hätte, im Müll Sortieren und Elektroautos Fahren und nicht mehr darauf schaue, wo wirklich die Brandstellen sind. Teilen Sie diesen Eindruck?

Vorländer: Da würde ich etwas polemisch sagen, dass das vielleicht eher die Probleme der Westdeutschen sind, die sich zurückzulehnen, immer mit dem Finger auf den Osten zeigen und gar nicht merken, dass bei ihnen auch etwas ins Rutschen gerät. Im Osten ist man sehr wach und nimmt das alles sehr stark wahr. Das Problem ist, dass man die Bevormundung aus dem Westen nicht so gerne hat, sondern man muss selbst damit klarkommen. Ich bin eher zuversichtlich: Es gibt Widerstände, die sich formieren, es gibt Initiativen. Auch Chemnitz ist ja eine ganz andere Stadt - das wird jetzt ein bisschen verschattet von diesen Ereignissen - wie auch die anderen Regionen, wo es demokratische Initiativen, Flüchtlingsnetzwerke, Hilfsorganisationen gibt. Das ist ja alles da, es braucht aber auch die starke Unterstützung der Öffentlichkeit, und die müssen sich durchsetzen gegen diese anderen Formen - nennen wir es doch mal "dunkle Zivilgesellschaft" -, die gerne laut im rechtsextremen Bereich unterwegs ist. Ich würde auf jeden Fall Ostdeutschland und die Demokratie nicht abschreiben, sondern man muss die Kräfte stärken, die die Demokratie weiter mit Wurzeln versehen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Politikwissenschaftler Hans Vorländer von der Universität Dresden. © TU-Dresden

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Mit einem Musikkonzert reagieren namhafte Musiker auf die rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz. Aber was bringt das eigentlich? Der Demokratieforscher Hans Vorländer gibt eine Einschätzung.

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NDR Kultur | Journal | 03.09.2018 | 19:00 Uhr

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