Stand: 03.09.2020 16:31 Uhr

"Wir brauchen ein autonomes Kolonialismus-Museum"

Der Kunsthistoriker Hanno Rauterberg spricht im Interview über den Aspekt der "Cancel Culture" in der Kunst. Der Redakteur im Feuilleton der "Zeit" beobachtet den gegenwärtigen Diskurs sehr genau.

Herr Rauterberg, Sie haben in Ihrem 2018 erschienenen Buch über den "neuen Kulturkampf" die Frage gestellt: "Wie frei ist die Kunst?" Seitdem hat sich vieles verändert. Damals ging es noch um eine aufgeregte New Yorker Debatte, um das Balthus-Gemälde "Thérèse träumend" und auch um Gomringers "Avenidas"-Gedicht. Wo stehen wir mit dieser Frage heute?

Hanno Rauterberg © imago/Sven Simon Foto: Sven Simon
"Wir erleben mittlerweile fast wöchentlich solche Debatten", sagt der "Zeit"-Redakteur und Kunsthistoriker Hanno Rauterberg.

Hanno Rauterberg: Die Fragen haben sich noch weiter zugespitzt und die Debatte hat sich noch weiter erhitzt. Über "Cancel Culture" wurde damals noch nicht so viel gesprochen. Den Begriff gab es schon, aber es ging eher um das, was ich "Zensur von unten" genannt habe. Es ging um die Frage, wie breitere Kreise mitbestimmen können bei dem, was Museen zeigen, wie im Theater agiert wird und was überhaupt den kulturellen Kanon ausmacht. Wir erleben mittlerweile fast wöchentlich solche Debatten, in denen es immer darum geht, ob noch jemand auftreten soll, ob es richtig ist, wenn weiße Menschen schwarze Figuren im Theater verkörpern und ähnliche Dinge mehr. Denken Sie an die Debatte, ob Bilder von Emil Nolde noch im Kanzleramt hängen sollten. Oder an die Diskussion um Ralf König, den Schwulenaktivisten und Comiczeichner, dessen Wandbild in Brüssel entfernt werden sollte. Es gab ganz viele Diskussionen, bis hin zu Lisa Eckhart, die beim Literaturfestival in Hamburg ausgeladen wurde. Es hat sich über die Jahre immer mehr polarisiert, ist mein Eindruck.

Sie haben kürzlich in der "Zeit" davon geschrieben, dass die Deutschen immer noch ihre "blutige Kolonialgeschichte und die Urgründe des Rassismus" verdrängen. Warum tut sich Deutschland so schwer, dieses Kapitel aufzuarbeiten?

Rauterberg: Mein Vorschlag war, ein Museum für Kolonialgeschichte zu gründen, um ein wenig den Druck aus dieser Debatte herauszubekommen und sie in sinnvolle, in produktive Bahnen zu lenken. Es wurde unter anderem vorgeschlagen, das Bismarck-Denkmal in Hamburg entweder ganz abzuräumen, den Bismarck-Kopf um 180 Grad zu drehen oder ähnliche Entstellungen an der Figur vorzunehmen. Das kann man alles machen, aber das sind sehr plakative Gesten, die nicht dazu führen, dass sich die breite Mehrheit der Menschen mit dem befasst, was vor gut 150 Jahren und auch in den Jahrhunderten davor passiert ist. Die Geschichte des Kolonialismus ist mindestens 500 Jahre alt und es ging immer um Unterdrückung und Ausbeutung.

Mir geht es nicht darum, eine neue Schulddebatte oder eine Geste der Buße zu verlangen, sondern zu überlegen, wie wir das wissenschaftlich aufarbeiten können und wie wir das, was damals passiert ist, in Fragen der Verantwortlichkeit ummünzen können. Wie können wir heute darüber reden? Was heißt das für unseren Umgang mit den Ländern des Südens? Welche Folgen hat die Kolonialgeschichte auf unser alltägliches Leben heute?

Sie haben konkrete Vorschläge: Protestmärsche gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, Denkmalsturz könnte man sich sparen, wenn man ein Museum installieren würde, das sich ganz dezidiert mit Kolonialgeschichte auseinandersetzt. Aber gibt es nicht diese Bemühungen mit Häusern wie dem Hamburger MARKK oder dem Übersee-Museum in Bremen? Auch das Humboldt-Forum in Berlin wurde als großes Kulturprojekt geplant.

Rauterberg: Richtig, das sind alles Häuser, die ethnologische Sammlungen beherbergen, in denen es aber primär - so wäre jedenfalls mein Wunsch - um die gesammelten Kunst- und Kulturstücke gehen sollte. Wenn man bei all diesen ausgestellten Dingen immer nur fragt, was das mit unserer Kolonialgeschichte zu tun hat, ob das nicht auch Schuldobjekte sind, ob diese Objekte zurückgegeben werden müssen, dann rücken die Objekte ihrerseits in den Hintergrund. Das käme mir vor wie eine zweite Form von Kolonialisierung: Wieder geht es mehr um unsere Interessen und unsere Fragen als darum, wie diese Menschen, denen die Objekte oft weggenommen worden sind, gelebt haben, was ihnen wichtig war, woran sie geglaubt haben. Ich wäre dafür, das in diesen Museen nicht auszublenden, aber trotzdem braucht es ein autonomes Kolonialismus-Museum, um die Strukturen der Ausbeutung, die bis heute in unterschiedlichster Weise fortbestehen, stärker ins Licht zu rücken.

Wie sollte ihrer Meinung nach ein solches Museum konkret aussehen? Wo sollte es stehen? Mit welcher Botschaft sollte es an ein Publikum treten?

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Eine junge Frau hält sich den Mund zu und schaut ernst in die Kamera. © photocase.de Foto: nanihta

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Rauterberg: Man kann darüber nachdenken, so ein Museum in Hamburg zu gründen. Hamburg war bekanntermaßen die deutsche Hauptstadt dieser imperialen Politik, die vor allem auch von Kaufleuten vorangetrieben wurde. Hamburg hat also sehr stark von dieser Ausbeutungspolitik profitiert. Man kann auch über Berlin sprechen. Idealerweise wäre es aber ein Museum, das supranational funktionieren würde und beispielsweise in Brüssel gegründet werden würde, weil Kolonialgeschichte etwas ist, das fast alle europäischen Staaten verbindet. Es gibt in der ganzen EU bislang kein Museum, das sich speziell um diese Frage kümmern würde.

Es wäre jetzt für mich nicht nur ein Ausstellungshaus, sondern es wäre ein Haus, in dem auch Tagungen abgehalten und Archive durchforstet würden, in dem also auch eine lebendige Öffentlichkeitsarbeit stattfinden müsste, um zu klären, wie diese Geschichte war und was das für heutige Arbeits- und Lebensbedingungen heißt - ganz konkret für unsere Landwirtschaftspolitik, die immer noch ganz stark von hohen Zöllen geprägt ist, sodass die Länder des Südens es sehr schwer haben, gegen diese Art von Protektionismus anzukommen. Auch das ist eine Frage, die man im Lichte des Kolonialismus noch einmal neu diskutieren müsste.

Trotzdem würde in Ihrem idealen Haus auch Kunst ausgestellt werden. Wer trifft die Auswahl für die Exponate dieses Museums?

Rauterberg: Klassischerweise müssen dafür die entsprechenden Museumsleiterinnen oder Kuratoren verantwortlich sein und diese Auswahl begründen. Aber ich fände es sehr wichtig und zentral, dass es nicht wieder nur die weiße, nördliche Hemisphäre ist, die darüber nachdenkt, was der Kolonialismus war und heute noch bedeutet, sondern dass man versucht, möglichst viele Stimmen aus Übersee einzubeziehen: aus Südamerika, aus Asien, aus den vielen - nicht nur von Deutschland - kolonialisierten Gebieten. Es war tatsächlich ein europäisches Phänomen. Die Deutschen hatten nur sehr kurze Zeit ihre Kolonien, aber wir haben es verstanden, in dieser sehr kurzen Zeit sehr brutal aufzutreten, sehr viele Menschen zu quälen und umzubringen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.09.2020 | 18:00 Uhr