Stand: 08.01.2019 15:24 Uhr

Georg Stark aus Jever: Magier mit blauer Farbe

von Jutta Przygoda

Die Stadt Jever ist nicht nur für gutes Bier bekannt, dort ist auch der Blaudruck, eine jahrhundertealte Handwerkskunst, beheimatet. Dabei werden weiße Muster kunstvoll auf Stoffe gedruckt, ähnlich wie beim Batiken. Das heißt, die Stellen, auf denen ein Druckstempel zuvor eine zähe Masse aufgebracht hat, bleiben beim späteren Färben weiß. Georg Stark betreibt in einer kleinen Gasse in Jever seit 33 Jahren eine Werkstatt, in der er alte Muster kunstvoll auf Leinen und Baumwolle druckt und danach den Stoff indigoblau färbt.

Meister des Blaudrucks in Jever

Stark verwendet ein 400 Jahre altes Rezept

Auf einem großen, gepolsterten Tisch bedruckt Georg Stark seine Stoffe. Mit der bloßen Faust klopft er dabei kräftig auf ein Model, der aus Metall und Holz gefertigt ist. Damit wird auf dem weißen Stoff Stück für Stück eine grüne Musterschicht aufgedruckt. Nach jedem Schlag versetzt er die Druckform auf dem Stoff an eine neue Stelle. So geht das weiter, bis die ganze Tischdecke ein Muster mit Rand bekommen hat. Die grünliche Paste, die er dabei aufdruckt, ist etwas Besonderes. Um ihre Zusammensetzung macht Georg Stark ein großes Geheimnis. "Es ist ein 400 Jahre altes Rezept, der Laie kann sich das als eine Art Wachs vorstellen. Schutzschicht, die ich auf den weißen Stoff drucke, wie vor Jahrhunderten, von Hand, Stück für Stück", erklärt Stark.

Blaudruck kommt aus Indien

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Georg Stark lässt weiß bedruckten Stoff in die Färbelauge herab.

Sind die Druckstempel größer, dann benutzt der Blaudrucker auch schon mal einen Holzhammer. Das schone beim Klopfen seine Gelenke, erklärt er. Nach dem Drucken, muss der Stoff etwa vier bis sieben Tage trocknen. Die aufgebrachte Druckmasse reagiert in dieser Zeit mit dem Gewebe. Dann wird das Leinen oder die Baumwolle an einem Eisengestell befestigt und für ein bis zwei Stunden in ein tiefblaues Farbbad hinuntergelassen. Indigo sei einer der Schätze Asiens, der einzige blaue Farbstoff aus tropischen Pflanzen, so Georg Stark.

Aus Indien kam die Tradition des Blaudrucks nach Europa. Drei Meter tief in den Werkstatt-Boden eingelassen ist bei ihm die sogenannte Indigo-Küpe. In diesem Bottich hängen die Stoffe in langen Bahnen zum Färben. Dort und im Anschluss noch an der Luft vollzieht sich das blaue Wunder, das später weiße Streublumen, barocke Ranken oder abstrakte Muster auf dem tiefblauem Stoff leuchten lässt. Die Dekors wechselten je nach Zeit und Geschmack. Oft seien die Muster Granatäpfel, Pfauenfedern, Tulpen, Nelken oder Muster aus Asien gewesen. Nach 1820 wurden die Dekore zierlicher, zarter, europäischer, und bürgerlicher.

Blaudruck ist UNESCO-Weltkulturerbe

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Georg Stark arbeitet auch als Gutachter für die UNESCO.

Im zweiten Raum der Werkstatt wird der Stoff nach dem Färbebad gereinigt und ausgewaschen. Wände und Boden leuchten in Jeansblau. Zahlreiche Spritzer und Farbreste zeugen davon, wie viel Stoff dort in über 30 Jahren verarbeitet wurde. Georg Stark hat lange ausprobieren müssen, bis er die uralte Technik perfekt beherrschte. Mit vier zunächst aus Museen geliehenen Druckmodeln und einem alten Rezeptbuch fing 1985 alles an. Mitglieder vom Heimatverein Jever hatten ihn, den jungen Historiker, auf die Idee gebracht: "Und im Gespräch mit den alten Knaben, kamen wir auf altes Handwerk. Es gab doch mal so etwas mit Stoffen, Blaudruck, da hörte ich zum ersten Mal den Begriff." Und so wurde aus dem damaligen Studenten für Geschichte vor 33 Jahren ein Blaudrucker.

Als Autodidakt hat sich Georg Stark seither alles selbst beigebracht. Längst ist seine Werkstatt Museum und Verkaufsraum in einem. Und die Kundschaft, die schätzt seine Arbeit: "Ich finde dieses alte Handwerk fantastisch. Er macht das schon so lange in so toller Qualität. Besser geht das nicht", schwärmt ein Kunde. Bodo Boltjes hat alte Damastdecken mitgebracht, die bedruckt werden sollen. Auch das ist möglich. Auswahl an Dekors gibt es genug. Denn Georg Stark hat mittlerweile rund 1.200 alte Druckstöcke gesammelt, die aus knapp vier Jahrhunderten stammen. Er ist einer von insgesamt sieben Blaudruckern in Deutschland. Vor drei Jahren hatte ihn die UNESCO als Gutachter beauftragt, damit dieses alte Handwerk in das Welt-Kulturerbe-Verzeichnis aufgenommen wird. Das ist inzwischen geschehen und Georg Stark freut sich darüber. Es helfe beim Forschen, wenn er in ein Archiv komme und sagen könne, er vertrete UNESCO-Prinzipien. Das sei auch eine kleine Bereicherung.

Jetzt sucht Georg Stark nur noch einen Nachfolger, der dieses alte Handwerk in Jever weiterführen will. Den- oder diejenige weiht der Blaudrucker gerne in seine besondere Färbe-Kunst ein.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Kulturspiegel | 04.06.2019 | 11:20 Uhr

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