Stand: 20.06.2019 14:34 Uhr

"Lokis" eröffnet die Theaterformen 2019

von Agnes Bührig

Welches Trauma kann der Angriff eines Bären bei einer Schwangeren und ihrem ungeborenen Leben auslösen? Das hat der französische Schriftsteller Prosper Mérimée 1869 in seiner Novelle "Lokis" thematisiert. Am Litauischen Nationaltheater wurde der Stoff vor zwei Jahren als Grundlage für ein Theaterstück über Gewalt genutzt. Am Donnerstag Abend hat "Lokis" die Theaterformen in Hannover, das Festival für zeitgenössisches Theater, eröffnet.

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Das Stück "Lokis" beginnt mit einer dunklen, leeren Bühne. Der Schriftzug "Image is Everything" macht auf die Macht der Bilder aufmerksam.

Wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler des Stückes auf die leere, schwarze Bühne kommen, mimen sie zunächst ein Stück im Stück: Regisseur, Kostümbildnerin und Bühnenbildner der Aufführung und reden über ihre Arbeit. Der polnische Regisseur beklagt sich, dass die nationalen Medien in seiner Heimat die Wirklichkeit verdrehen, die litauische Dramaturgin erklärt, dass sie die Rekonstruktion als theatrales Mittel gewählt haben.

Es sei ein Spiel mit Original und Fälschung, sagt die litauische Schauspielerin Elžbieta Latėnaitė. "Die Proben waren sehr durchdacht vorbereitet und geplant. Doch davon haben wir uns gelöst, haben Sachen ausprobiert, Improvisationen gemacht und das fand in einer erstaunlich beschwingten Stimmung statt", schildert Latėnaitė. "Dabei wussten wir ziemlich lange gar nicht, wer wen spielen wird. Und das war das Ziel des Regisseurs, dass wir erst einmal spielen, Erfahrungen sammeln, Wege suchen und dann Wege finden, auszudrücken, wie jemand den Verstand verliert."

"Lokis": Halb Mensch, halb Tier

In der Novelle "Lokis" scheint dies dem jungen Grafensohn Michael in Litauen widerfahren zu sein. Seine Mutter wurde von einem Bären angegriffen und verschleppt, als sie mit ihm schwanger war. Heute klettert ihr Sohn auf Bäume und brüllt des Nachts im Bett - halb Mensch, halb tierisches Wesen. Die Novelle spiegelt die Ängste des 19. Jahrhunderts wieder, sagt der polnische Regisseur Łukasz Twarkowski. 

Es gäbe immer einen Teil in uns, vor dem wir Angst hätten. "Eine Erklärung dafür zu finden, war im 19. Jahrhundert simpler als heute. Man behauptete einfach: Das bin nicht ich, das ist ein Tier in mir", erklärt der Regisseur. "Es gibt mich und es gibt dieses Wesen. So war es möglich, eine klare Grenze zu ziehen: Das, was ich mache und was falsch ist, ist nicht meine Person, sondern kommt woanders her. Heute wissen wir, dass alles, was schlecht ist, aus unserem Inneren kommt. "

Hommage an litauischen Fotograf Luckus

Die Inszenierung untersucht diesen unbekannten Teil der menschlichen Psyche mit Rotlicht und wummernden Bässen, die an Ecstasy und Technoclubs der 1990er-Jahre erinnern. Aber auch an das schummrige Licht von Dunkelkammern. Für Łukasz Twarkowski war das der Grund, um die Novelle Lokis mit zwei medial beachteten Sterbefällen in Litauen zu kontrastieren: die Ermordung der französischen Schauspielerin Marie Trintignant 2003 in einem Hotelzimmer in Vilnius und den tragischen Tod des litauischen Fotografen Vitas Luckus in den 1980erJahren.

"Luckus begann in der Sowjetunion als Modefotograf. Später ging er raus aus dem Studio, fotografierte Menschen. Das sind die Fotos, die wir als Hintergründe nutzen", erklärt Twarkowski. "Er versuchte, die Menschen aus ihren Kontexten rauszuziehen und dann zu ergründen, was er danach in ihnen sah. Dieser theoretische Hintergrund bildet den Rahmen unseres Stückes."

Literatur, Fotografie, Klangkunst, Video - in seinen Arbeiten verbindet Łukasz Twarkowski visuelle und performative Künste, um die Wirklichkeit zu erweitern - und gilt damit in Polen als Vertreter des jungen experimentellen Theaters. Das zeigte der 35-Jährige im Frühjahr am Schauspiel Hannover mit der Aufführung "Es war einmal ... das Leben", in der er eine aufklärerische Fernseh-Zeichentrickserie in ein Theaterstück verwandelte. Nun also das Thema Gewalt - im Gestern und im Heute.

"Lokis" eröffnet die Theaterformen 2019

Das Theaterstück "Lokis" hat das Festival Theaterformen in Hannover eröffnet. Es basiert zu großen Teilen auf der gleichnamigen französische Novelle von Prosper Mérimée.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schauspiel Hannover
Prinzenstraße 9
30159  Hannover
Telefon:
0 511 9999 1111
Preis:
Zwischen 20 und 26 Euro
Kartenverkauf:
Vorverkaufsstellen:
Schauspielhaus Prinzenstraße 9
Opernhaus Opernplatz 1
Hinweis:
Für hannoversche Theaterformen-Fans wird am 8. und 10. Juni ein Bus-Shuttle zum Theaterbesuch in Braunschweig angeboten.

Online-Kartenverkauf unter: www.staatstheater-hannover.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.06.2018 | 19:00 Uhr

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