Stand: 27.09.2018 18:45 Uhr

"Ein erster wichtiger Schritt!"

Abschluss der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda. Am Dienstag hatte die Bischofskonferenz ihre Studie zum tausendfachen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorgestellt. Ein Gespräch mit Florian Breitmeier aus unserer Redaktion Religion und Gesellschaft.

Was hat der Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx zum Abschluss gesagt?

Bild vergrößern
Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Florian Breitmeier: Marx hat deutlich gemacht, dass es mehr Expertenrat von außen, mehr Kontrolle und Verbindlichkeit braucht. Die Kirche als Institution habe versagt. Und das war nicht nur das Versagen einzelner, sondern eben ein systemisches Versagen. Die deutschen Bischöfe wussten aber auch, dass es nicht ausreichen würde, nun Betroffenheit oder Erschütterung noch einmal zu dokumentieren. Sie haben deshalb einen Sieben-Punkte-Plan vorgestellt, in dem sie zum Beispiel herausstreichen: Wir wollen uns regelmäßig mit Betroffenen sexualisierter Gewalt treffen, ihnen zuhören, mit ihnen sprechen.

Außerdem bieten die deutschen Bischöfe unabhängige Anlaufstellen an, an die sich Betroffene sexualisierter Gewalt wenden können. Bislang ist es oft noch so, dass Opfer sich direkt an die Kirche wenden müssen. Das sind aber oft hohe Hürden, da Angst und Scham bei manchen zu groß sind. Zudem soll es in den Bistümern Controllingsysteme geben. Das heißt: Wer investiert eigentlich wie viel Geld, wie viel Personal, wie viel Zeit bei Fragen von Mitarbeiterschulung, bei der Prävention und zum Beispiel in der Priesterausbildung.

Schließlich soll auch darüber gesprochen werden, wie das mit den Zahlungen laufen kann. Bislang ist ja bei der katholischen Kirche der Praxisbezug so, dass man für das erlittene Leid eine sogenannte Anerkennungszahlung bezahlt. Die Betroffenen sexualisierter Gewalt haben immer wieder gefordert: Wir wollen eine Entschädigungszahlung. Denn mit einer Entschädigung ist stets auch verbunden, dass die Institution anerkennt, dass sie einer Einzelperson Schaden zugeführt hat.

Sieben Stellschrauben insgesamt, an denen gedreht werden soll. Das ist ja schon mal einiges. Wie ist Ihre Einschätzung, reicht das aus?

Breitmeier: Das ist meiner Meinung nach zunächst einmal ein erster wichtiger Schritt, obwohl die Beschlüsse nicht den Charakter einer ganz verbindlichen Selbstverpflichtung haben. Es sind vielmehr Erklärungen, Absichtserklärungen. Ich glaube aber schon, dass die Bischöfe nach langen Beratungen auch zu dieser Einigung gekommen sind. Doch der Faktor Zeit ist natürlich immer eine Frage.

Wenn man beispielsweise unabhängig aufklären will, dann weiß man, dass solche Ermittlungen auch wieder zwei drei Jahre dauern können. Und ich weiß nicht, ob die Geduld der Betroffenen und auch die Geduld der Öffentlichkeit so groß ist.

Die Bischhöfe haben auch gesagt, dass sie über Änderungen nachdenken wollen, zumindest offen sind in einigen Punkten. Die Autoren der Studie hatten hier der katholischen Kirche spezifische Strukturmerkmale attestiert, die Missbrauch im Kern begünstigen. Nun haben einige Bischöfe, zum Beispiel der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, klargemacht, dass sie eine Diskussion über den Zölibat grundsätzlich für sinnvoll halten. Sehen das die Bischofskollegen denn auch so?

Breitmeier: Also, ich glaube, das ist innerhalb des Gremiums eine kontroverse Diskussion. Es ist auch ein Punkt, der heute beschlossen wurde, dass man über diese Fragen der Sexualmoral, aber auch über den Zölibat diskutieren will. Es dürfe keine Tabus geben, hat Kardinal Reinhard Marx in Fulda gesagt. Aber Sprechen ist das eine und ob man dann zu einer Einigung kommt, auch zu konkreten Änderungen beim Zölibat, da bin ich doch eher skeptisch. Schließlich ist das auch eine Frage, die auf der weltkirchlichen Ebene geprägt wird. Und ob die deutsche Ortskirche da eine Vorreiterrolle einnehmen möchte, das wage ich zu bezweifeln.

Das Gespräch führte Philipp Cavert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.09.2018 | 15:20 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr