Stand: 17.03.2018 10:25 Uhr

"Die tödliche Blume" in Lübeck wird bejubelt

von Daniel Kaiser

Drei Morde in 70 Minuten - die neue Oper im Theater Lübeck kann es locker mit jedem Tatort aufnehmen. "Luci mie traditrici" ("Die tödliche Blume") heißt das Werk des zeitgenössischen Komponisten Salvatore Sciarrino von 1998. Die Regisseurin Sandra Leupold, die für ihren Lübecker "Don Carlo" schon mit dem Theaterpreis "FAUST" ausgezeichnet wurde, hat mit der "tödlichen Blume" wieder ein sehr besonderes Stück auf die Bühne gebracht.

"Das ist was für Experten", ächzt ein älterer Herr im Publikum und verlässt das Stück mittendrin - kopfschüttelnd und wenig schmeichelhafte Urteile flüsternd. Für manche ist Sciarrinos Musik "kurz vor Hurz". Ehepartner schauen sich vorwurfsvoll an, wohin man sie da mitgeschleppt hat. Tatsächlich: Wer bei dieser italienischen Oper mit dem blumigen Titel Herz-Schmerz-Arien erwartet hat, wurde von solchen Klängen dann doch überrascht. "Die tödliche Blume" hat kein Gramm Belcanto.

Christian Rohrbach (Der Gast) und Wioletta Hebrowska (Gräfin Malaspina) in der Oper "Die Tödliche Blume" auf der Bühne des Theaters Lübeck. © Theater Lübeck Foto: Jochen Quast

"Luci mie traditrici" - "Die tödliche Blume"

NDR Kultur -

Die neue Oper im Theater Lübeck ist ein echter Krimi. Regisseurin Sandra Leupold hat "Die tödliche Blume" von Komponist Salvatore Sciarrino inszeniert.

4,33 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Thriller ohne Pathos

Ein eifersüchtiger Graf (Otto Katzameier) tötet die Gräfin (Wioletta Hebrowska), deren Liebhaber (Christian Rohrbach) und den Diener (Steffen Kubach) als einzigen Zeugen des Betrugs. Es ist ein Psychothriller ohne überflüssiges Pathos und ohne Krimi-Action. Die kurzen, minimalistischen Szenen von Liebe und Eifersucht spielen in prunkvollen Gärten, in fürstlichen Schlafzimmern und Bibliotheken (Bühne: Martin Kukulies). Doch die Kulissen auf der Bühne sind nie ganz fertig ausgemalt, sondern immer nur zur Hälfte. Vom Rest sieht man nur Umrisse. Auch die Musik mit all den Verzierungen und Koloraturen ist wie ein Fragment, wie ein Dur-loses Konzentrat eigentlich stundenlanger, deftiger Opernabende. Wenn sie von Liebe und Verrat singen und "Oh weh!" seufzen, klingt es wie groteske Versionen von Gesualdo-Madrigalen.

Leise Töne - großes Drama

Bild vergrößern
Wer sich auf das Stück und seinen Sound einlässt, wird belohnt.

Sciarrinos Musik geschieht nah an der Stille. Geigen imitieren Spatzen. Flötisten hauchen in ihr Instrument. Es ist ein leiser, konzentrierter Abend. Das Rascheln, das Husten, die Übersprungshandlungen des Publikums sind über weite Strecken lauter als das, was da von der Bühne kommt. Sciarrinos Oper ist eine subtile Form des Mitmachtheaters. Das Publikum muss sich darauf einlassen und das große Drama in den leisen Tönen selbst erspüren.

Zeitlos toxische Mischung

Die Regisseurin Sandra Leupold lässt die Sängerinnen und Sänger sich langsam drehen wie in Spieluhren. Wirklich nah sind sie sich nur, wenn einer dem anderen den Mund zuhält. Wie mechanisch und einander letztlich fremd singen und spielen sie nebeneinander und schauen aneinander vorbei. Sie sind allein und isoliert. Kein Orchestermantel ist da, der sie wärmt. Diese Menschen sind Archetypen. Der Stil der Kostüme und Frisuren wandert von Szene zu Szene durch die Geschichte - von der Renaissance bis heute. Liebe, Eifersucht, Ehre und Tod sind als Mischung zeitlos toxisch. Es geht um Ur-Mechanismen von Leidenschaft und Gewalt. Plötzlich blitzt ein Messer im Scheinwerferlicht auf.

Applaus und Jubel für ein Wagnis

Wer sich für diese gute Stunde auf Sciarrinos besonderen Sound einlässt, wird belohnt. Das Publikum bedankt sich mit sehr langem, kräftigem Applaus. Die Sängerinnen und Sänger - allen voran Wioletta Hebrowska - werden bejubelt. Wieder hat das Lübecker Theater an der richtigen Stelle Mut bewiesen. Es ist kein sinnloser Mut, irgendein sperriges Stück aufzuführen, weil man es kann. Hier wird ein aufregender Akzent gesetzt, der das Publikum als mündiges Gegenüber in besonderer Weise ernst nimmt. Ein ungewöhnlicher, ein starker Abend!

"Die tödliche Blume" in Lübeck wird bejubelt

Mit "Die tödliche Blume" hat das Theater Lübeck ein besonderes Stück auf die Bühne gebracht. Wer sich auf den Sound von Komponist Salvatore Sciarrinos einlässt, wird belohnt.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Theater Lübeck
Beckergrube 16
23552  Lübeck
Preis:
Von 14 bis 51 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 10 - 18.30 Uhr, Sonnabend 10 - 13 Uhr
Abendkasse im Großen Haus jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn, in den Kammerspielen und im Jungen Studio jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn. Kein Vorverkauf an der Abendkasse.
Kartenverkauf:
Theaterkasse: (0451) 39 96 00
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 19.03.2018 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

02:40
Landpartie - Im Norden unterwegs

Portrait: Der Hirschhornschnitzer Günter Schubert

18.11.2018 20:15 Uhr
Landpartie - Im Norden unterwegs
07:19
Lieb & Teuer

Alben mit Autogrammen von Weltstars

18.11.2018 16:00 Uhr
Lieb & Teuer
03:16
NDR Info

"Lazarus" feiert Premiere in Hamburg

18.11.2018 08:00 Uhr
NDR Info