Paul Nolte © imago Foto: Horst Galuschka

Corona-Gesellschaft: Zerrissen, ungleich, autoritär?

Stand: 21.11.2020 16:48 Uhr

Die Corona-Pandemie und der Versuch ihrer Steuerung greifen tief in das Gewebe unserer Gesellschaft ein. Der Historiker Paul Nolte zeichnet eine erste Skizze dieser Corona-Gesellschaft.

von Paul Nolte

In diesem Herbst 2020 hat die Corona-Pandemie uns wieder fest im Griff: in Deutschland, in weiten Teilen Europas und der Welt. Die optimistische Erwartung, aus dem ersten Lockdown im März und April werde ein schnell aufsteigender Weg zurück in die Normalität führen, hat getrogen. Der Krisenverlauf entspricht nicht einem tief nach unten gezackten "V"; vielmehr führt der Weg durch ein langes Tal und nur langsam und holprig wieder nach oben. Im "Lockdown Light" der letzten drei Wochen leben wir zwischen der Angst vor weiteren Einschränkungen, der Sorge um ein halbwegs normales Weihnachtsfest und der Hoffnung auf eine schnelle Verfügbarkeit der neuen Impfstoffe.

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In einem Labor wird ein transparenter Behälter mit vielen runden Einbuchtungen gezeigt. © picture alliance Foto: Fredrik Sandberg

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Je länger die Pandemie dauert, desto tiefere Spuren hinterlässt sie in der Gesellschaft. Eine kleine Minderheit will das alles nicht verstehen, nicht einmal wahrhaben und protestiert gegen eine angebliche drohende Diktatur und gegen die Wirklichkeit. Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland zeigt Geduld und Verständnis, aber viele werden müde. Und nicht nur die Nerven von Einzelnen, sondern die Nervenstränge des sozialen Gewebes sind zum Zerreißen gespannt. Was macht Corona mit uns? Die Signale sind widersprüchlich: Gehen soziale Beziehungen durch Kontaktverbote in die Brüche? Oder erleben wir eine Welle des Zusammenhalts und der Solidarität? Es wird Zeit für eine erste Bilanz, in drei knappen Schlaglichtern: auf den sozialen Zusammenhalt, auf die Ungleichheit und auf die Demokratie.

Der bunte soziale Zwischenraum ist leerer geworden

Im Frühjahr lernten wir neue Begriffe wie das "social distancing". Damit war das Einhalten von Abstandsregeln gemeint, nicht die Aufforderung, zu vertrauten Menschen auf emotionale Distanz zu gehen. Tatsächlich sind das zwei verschiedene Dinge. Statt uns in einem dichten Menschenpulk vorzudrängeln haben wir gelernt, was die Engländer seit jeher beherrschen: Warteschlangen zu bilden, dem anderen den Vortritt zu lassen, ihm nicht körperlich zu dicht auf die Pelle zu rücken. Das Wort Achtsamkeit machte schon vor Corona Karriere in der deutschen Sprache; die Viruskrise hat solcher Rücksichtnahme in unseren Alltagskontakten einen kräftigen Schub verliehen. Auch in anderer Hinsicht sind die meisten Menschen nicht vereinsamt, weil sie vielleicht eine Reise nicht antreten konnten oder eine Party abgesagt werden musste. Nicht jeder soziale Kontakt ist gleichermaßen wichtig für das, was wir gesellschaftliche Solidarität oder Zusammenhalt nennen. Die digitalen Kommunikationskanäle, die Video-Chats und die "sozialen Medien" haben vieles aufgefangen, was in der unmittelbaren physischen Begegnung nicht mehr möglich war.

Paul Nolte © imago Foto: Horst Galuschka

AUDIO: Corona-Gesellschaft: Zerrissen, ungleich, autoritär? (10 Min)

Andererseits gibt es keinen Grund, ein allzu rosiges Bild zu zeichnen oder gar die neuen Verhältnisse als Durchbruch zu einer besseren Welt der Empathie zu feiern. Menschen leiden einsam und sind einsam gestorben. Soziale Netzwerke sind durchaus rissig geworden, auch da, wo sie ganz wesentlich zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen. Das gilt für die Aktivitäten von Vereinen, für den Sport, für das kulturelle Leben und für das vielfältige Wirken sozialer und karitativer Organisationen. Natürlich, auch hier helfen oft digitale Plattformen. Aber die für demokratische Gesellschaften so wichtige mittlere Ebene zwischen Individuen und Staat hat Schaden genommen. Wir konzentrieren uns auf die Kernfamilie und auf engste Freunde - und hören darauf, was der Staat, die Regierung, die Bundeskanzlerin zu sagen haben. Der bunte soziale Zwischenraum ist leerer geworden.

Die Krise erzeugt Ungleichheiten

Die Corona-Pandemie hat uns alle fest im Griff. Uns alle gleichermaßen, ohne Unterschiede? Tatsächlich ist es ein Merkmal dieser Krise, dass niemand ihr entkommen kann. Diese geteilte Erfahrung übrigens hat den sozialen Zusammenhalt durchaus verstärkt, hat die Menschen einander näherkommen lassen. Aber schon sehr früh war klar, dass keineswegs alle Menschen vor dem Virus gleich sind. In einem Haus mit Garten lässt sich der Lockdown wesentlich bequemer gestalten als in beengten Wohnverhältnissen, in denen Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten fehlen. Bei den Kindern, bei den schulischen Bildungschancen wird das besonders deutlich: Die Ausstattung mit Computern und anderen elektronischen Arbeitsmitteln ist ungleich, und längst nicht alle Eltern können ohne Weiteres an die Stelle der Lehrinnen und Lehrer treten, um ihren Kindern Deutsch, Mathematik oder Fremdsprachen beizubringen. Deutschland hat ohnehin das Problem, dass die Schule weniger als ein sozialer Gleichmacher für Kinder unterschiedlicher Herkunft wirkt, als das in anderen Ländern der Fall ist. In den Familien wiederum tragen häufig die Frauen und Mütter eine besondere Last, wenn Betreuungseinrichtungen schließen oder die Großeltern nicht mehr einspringen können, weil sie zur Risikogruppe gehören oder nicht in der Nähe leben.

Gewiss, staatliche Unterstützung hat vieles ziemlich großzügig aufgefangen: etwa durch aufgestocktes und verlängertes Kurzarbeitergeld, das Millionen Menschen vor der Arbeitslosigkeit bewahrt hat. Trotzdem stehen diejenigen besonders schlecht da, die als Selbstständige, auf eigene Rechnung, ihr Geld verdienen, sei es mit Musik, die nicht mehr dargeboten werden kann, oder mit einer kleinen Kneipe, die schließen muss. Am sichersten können sich die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes fühlen. Man sieht also: Die durch Corona erzeugten oder verstärkten Ungleichheiten betreffen nicht nur die klassische Kluft zwischen Arm und Reich, sondern vielfältigste Aspekte von Arbeit, Bildung und Lebenswirklichkeit. Die Bedeutung des Staates als Garant von Sicherheit hat zugenommen - nicht zufällig gewinnen die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens gerade Auftrieb. Die Krise erzeugt Ungleichheiten, webt aber auch mit an neuen staatlichen Auffangnetzen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 22.11.2020 | 19:00 Uhr