Stand: 21.08.2019 17:23 Uhr

Ausblick auf die Ruhrtriennale 2019

Mit dem Start der diesjährigen Ruhrtriennale beginnen wieder jene sechs Wochen, in denen das Ruhrgebiet zum "Kulturgebiet" wird - und zwar für mehr als 800 Künstlerinnen und Künstler aus rund 35 Ländern, die in 14 ehemaligen Industrieanlagen im gesamten Ruhrgebiet bei 164 Veranstaltungen 35 Produktionen und Projekte präsentieren - davon 14 Ur- und Erstaufführungen. Verantwortlich für das Programm ist Intendantin Stefanie Carp.

Frau Carp, ich habe eingangs das oft genutzte Wortspiel "Ruhrgebiet/Kulturgebiet" bemüht. Ist das Ruhrgebiet Kulturgebiet, oder machen Sie es erst dazu?

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Die Intendantin der Ruhrtriennale, Stefanie Carp.

Stefanie Carp: Es gibt ungeheuer viel Theater, viele Konzertsäle, sehr interessante zeitgenössische Museen, von den wahrscheinlich das Folkwang Museum das berühmteste ist. Es gibt in all diesen Städten sehr viel Kultur und über diese größeren Institutionen hinaus auch noch viele kleinere Festivals und Initiativen, von denen man gar nichts weiß, wenn man nicht im Ruhrgebiet lebt. Es gibt also sehr viel mehr, als man wahrnimmt.

Sie bespielen mit der Ruhetriennale insbesondere aufgelassene Industrieanlagen. Was macht diese Schauplätze so reizvoll? Es sind doch eher unwirtliche Industriebrachen.

Carp: Das sind keine Brachen. Das sind wiederhergestellte und auf sehr gute und diskrete Weise renovierte Bauten der ehemaligen Kohle- und Stahlindustrie. Es sind wunderschöne Gebäude. In Essen sieht das teilweise aus wie Metropolis. Das sind irrsinnige Architekturen - man spricht hier oft auch von Industriekathedralen. Die sind sehr groß und animieren deshalb die Künstler zu sehr speziellen Vorschlägen und Projekten. Opern-, Konzerthäuser oder Theater bieten immer so einen Illusionskasten, der alle Vorrichtungen enthält, um bestimmte Illusionen herzustellen. Aber diese Bauten stellen einen ganz besonderen Anspruch und besondere Anforderungen, und sie rahmen künstlerische Vorschläge noch mal in einer ganz anderen Weise.

14 Ur- und Erstaufführungen stehen auf dem Programm - was wird da zu sehen sein?

Carp: Wir beginnen mit "Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend" - das ist eine Kreation von Christoph Marthaler, die - was wirklich eine Ausnahme ist - nicht in einer Industriehalle stattfindet, sondern in dem gigantischen Audimax der Universität Bochum, Gefolgt von "All the Good", der neuen Kreation von Jan Lauwers und der Needcompany. Alle weiteren Produktionen finden in unterschiedlichen Industriehallen statt.

Stefanie Carp © imago

Ausblick auf die Ruhrtriennale 2019

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Intendantin Stefanie Carp mit einem Ausblick auf das Veranstaltungsprogramm.

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Weiterhin zeigen wir Heiner Goebbels neue Produktion "Everything That Happened And Would Happen", gefolgt von der Oper "Dido and Aeneas", inszeniert von David Marton und erweitert um eine Neukomposition von Kalle Kalima. Schließlich steht auch Ligetis "Requiem" auf dem Programm, inszeniert von Kornél Mundruczó, einem ungarischen Filmtheater- und Musiktheaterregisseur, der eine bildstarke Trilogie aus dem an diesem Abend dreimal erklingenden Requiem macht.

Was erwartet die Zuschauerinnen und Zuschauer heute Abend?

Carp: Es ist ein Abend, der in erster Linie der Musik der aus Wien und Prag vertriebenen jüdischen Komponisten gewidmet ist. Diese Musikstücke hat der musikalische Leiter Uli Fussenegger ausgewählt und neu instrumentiert. Gleichzeitig ist das so eine Bestandsaufnahme, weil Musik immer ganz starke Erinnerungen auslöst. Über die Musik erinnern wir uns an den großen Zivilisationsbruch, den Holocaust, und machen gleichzeitig eine Bestandsaufnahme der rechten Rhetorik, die es in Europa wieder zunehmend gibt. Wir denken darüber nach, was einen solchen Zivilisationsbruch schon einmal ausgelöst hat und wieder auslösen könnte. Es finden also politische Debatten und Reden statt auf drei verschiedenen Zeitebenen, die sich miteinander mischen: der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der heutigen Zeit und der Zukunft. Abschließend gibt es ein Konzert, zu dem Christoph Marthaler eine ganz feine Choreografie des Zuhörens geschaffen hat.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.08.2019 | 19:00 Uhr

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